Der 90. Geburtstag

Die Räder ihres Rollators quietschten leise als sie langsam, nach links und rechts schauend, den Zebrastreifen überquerte. Sie hörte dieses Geräusch schon eine ganze Weile nicht mehr. In der Straßenmitte hielt sie kurz inne und sah sich noch einmal um. Es war früh an diesem Sonntagmorgen und kein einziges Auto war zu sehen. Lange würde es nicht mehr dauern, dann würde Schorndorf erwachen und die Straße, die sie gerade überquerte, mit Leben erfüllt sein. Sie schob ihre Gehilfe über den Absatz des Bürgersteigs und sah die kleine Anhöhe hinauf, die vor ihr lag. In den Platanen, die den Weg säumten zwitscherten Unmengen von Vögeln, es schien, als würden Sie Anna Bareiss begrüßen. Ein Lächeln huschte über ihre Lippen. Sie liebte diesen Abschnitt ihres Weges, den sie nun schon seit fast drei Jahren täglich ging. Die Zeit, die sie von ihrer kleinen Wohnung in der Römmelgasse zum neuen Friedhof, dann hierher und zurück brauchte, wurde von Woche zu Woche länger, aber was machte das schon. Zeit hatte Anna genug. Im Schatten der Platanen blieb sie stehen und beobachtete zwei Zitronenfalter, die aufgeregt von einem Baum zum nächsten flogen. Die beiden Schmetterlinge erinnerten sie an die Kinder, die hier an den Wochentagen in den beiden Tagesstätten, Fangen spielten. Seufzend knöpfte sie, mit gichtgekrümmten Fingern, ihre dünne Strickjacke zu. Hier im Schatten war es deutlich kühler. Es knirschte unter den Rädern ihres Rollators, als sie den kiesbedeckten Weg weiterging, aber auch dieses leise Geräusch hörte Anna Bareiss nicht mehr. Heute war ihr 90. Geburtstag und obwohl sie sich sonst sehr guter Gesundheit erfreute, brachte das Alter es mit sich, dass Augen und Ohren nicht mehr so wollten wie früher. Ihr Hörgerät lag zu Hause auf der Anrichte, aber das
brauchte sie bei ihren morgendlichen Spaziergängen nicht. Sie trug es eigentlich nur, wenn sie zum Einkaufen ging.

Als sie endlich die kleine Holzbank erreicht hatte, die mitten auf der inzwischen gemähten Wiese stand, zog sie die Bremsen des Rollators an und nahm ihre Hände erst von den Griffen, als sie saß. Sie löste die Bremsen wieder und schob das Gefährt ein Stück zur Seite, um einen freien Blick auf die Holzkreuze zu haben, die von Bux umringt, vor ihr standen. Sie konnte die Namen auf den Kreuzen nicht lesen, denn ihre Brille lag neben dem Hörgerät auf der Anrichte, aber das war Anna egal. Sie wusste genau, auf welchem der Name Jakob Draing stand. >Ach Jakob!<,
seufzte sie und öffnete die Knöpfe ihrer Strickjacke wieder, denn hier in den ersten
Sonnenstrahlen des Tages, war ihr angenehm warm. Anna lehnte sich zurück und
begann, wie jeden Tag seit drei Jahren, ein Gespräch mit dem Holzkreuz. >Ich weiß
nicht, ob du dich erinnern kannst<, sagte sie, >aber heute ist mein Geburtstag. Ich
bin ein wenig aufgeregt, denn am Nachmittag bekomme ich Besuch. Ja, stell dir vor,
der Herr Oberbürgermeister hat sich bei mir angekündigt. Er kommt zum Kaffee und
ich hab gestern schon ein paar von den Nusshörnchen besorgt, die ich so gerne
esse. Ich hoffe der Herr Klopfer mag sie auch so gerne wie ich.< Sie machte eine
Pause und beobachtete wie eine große Eidechse an dem Kreuz, mit dem sie gerade
sprach, nach oben ging und es sich auf dem Querholz in der Sonne bequem machte.
>Ich bekomme sonst fast nie Besuch und hoffe nur, dass es ihm bei mir gefällt.< Eine
Träne löste sich aus ihrem Augenwinkel und rollte unbeachtet ihre Wange hinunter.
Anna Bareiss war alleine. Ihre Ehe mit Erwin, der vor drei Jahren gestorben war und
den sie seitdem auch täglich auf dem neuen Friedhof besuchte, war leider kinderlos
geblieben. Ihre beiden Brüder waren im zweiten Weltkrieg gefallen. Der Jüngere,
gerade achtzehn Jahre alt, als er damals Schorndorf verließ, hatte die
Gefangenschaft in Russland nicht überlebt. Ihren älteren Bruder hatte man zum
Wüstensturm nach Afrika geschickt und auch er war nicht mehr nach Hause
gekommen. Seine Todesnachricht erreichte ihre Familie Anfang des Jahres 1943,
kurz danach hatte sie Jakob kennengelernt. Jetzt flossen die Tränen in Strömen und
sie zog ein Schneuztuch aus der Tasche ihrer Strickjacke. Jakob war ihre große
Liebe gewesen. Nie wieder hatte sie so etwas gefühlt, wie damals im Sommer 1943.
Ihrem Mann Erwin hatte sie die Geschichte von Jakob erzählt, noch bevor er ihr
einen Heiratsantrag gemacht hatte. Dreizehn Jahre lang hatte Anna um Jakob
getrauert und es nicht zugelassen, dass ein anderer Mann sich auch nur näherte.
Das änderte sich, als sie 1958 von den Eisenmöbelfabrik L & C Arnold zu dem neu
gebauten Werk der Firma Bauknecht wechselte. Sie wollte weg von der Produktion
und hatte sich damals, nach langen Jahren der Fortbildung in Abendkursen, um eine
Stelle im Personalbüro beworben. Erwin hatte nur ein paar Wochen nach ihr dort
angefangen und sie mochte den sympathischen Vorarbeiter von Anfang an sehr
gerne. Obwohl sie sich anfangs gegen eine Liebesbeziehung gewehrt hatte, gab
Erwin nicht auf, sie zu umwerben. Viele Monate und unzählige Gespräche nach
ihrem ersten Zusammentreffen in der Kantine, war sie zum ersten Mal mit ihm
ausgegangen. Es folgten noch viele Verabredungen zu Spaziergängen an der Rems,
oder zum Tanzen im Lamm in Schornbach, bis sich Anna sicher war, dass sie mit
Erwin den Rest ihres Lebens verbringen wollte und JA sagte. Auch wenn Jakob
immer einen Platz in ihrem Herzen hatte, und die Gefühle für ihren Mann anders
waren, als für den polnischen Zwangsarbeiter, so war Anna doch sehr glücklich
gewesen mit ihrem Erwin. Sie hatten eine harmonische, unheimlich glückliche Zeit
und 2010 hatte Erwin sie zum zweiten Mal in die Kirche geführt, um die goldene
Hochzeit zu feiern. Zwei Jahre später war er gestorben. Seit seinem Tod wünschte
sich Anna, ihm zu folgen. Sie fragte sich oft, was Gott mit ihr noch vorhatte, warum er
sie nicht endlich zu sich holte. Ihre Tage waren einsam und einer glich dem anderen.
Jeden davon begann sie mit einem Besuch an Erwins Grab und zwei Wochen nach
seiner Beerdigung, war sie danach zum ersten Mal hierhergekommen. Sie hatte
diesen Platz stets gemieden, aber jetzt fühlte es sich gut und richtig an, auch Jakob
zu besuchen. Wenn sie hier auf der Bank saß, war sie nicht mehr alleine. Wie Arme,
die sich um sie legten, spürte sie die Nähe zu ihrer großen Liebe.
Mittlerweile waren Annas Tränen versiegt und sie beobachtete, wie die Eidechse zur
anderen Querlatte des Holzkreuzes kletterte. Sie sog den Geruch von frisch
gemähtem Gras tief ein und sah auf die goldene Uhr, die Erwin ihr zum 60.
Geburtstag geschenkt hatte. Sie meinte zu erkennen, dass es kurz vor neun war, und
wenn sie den Gottesdienst in der Stadtkirche nicht verpassen wollte, dann würde sie
sich bald auf den Weg machen müssen. Auch wenn es nur ein Fußweg von zehn
Minuten war, Anna brauchte fast das Dreifache an Zeit. Anklagend sag sie zum
Himmel und sagte leise: >Wenn du mich schon nicht zu dir holst, dann mach
wenigstens, dass meine Beine besser funktionieren.< Ihr Blick folgte einer kleinen
Wolke, die in der Form eines Fisches langsam über den sonst stahlblauen Himmel
zog, dann sah sie wieder zu dem Holzkreuz. Die Eidechse war verschwunden.
Vielleicht hatte sie Hunger, dachte Anna und stellte fest, dass es ihr genauso ging.
Ihr kärgliches Frühstück aus einer großen Tasse Milchkaffee und einem Stück
trockenen Brot, das sie darin eingetaucht hatte, lag schon über drei Stunden zurück.
Sie rutschte ein Stück auf der Bank nach vorne und griff in den Jutebeutel, der in
dem kleinen Korb am Lenker des Rollators lag. Die Banane, die sie zu Tage förderte,
hatte schon ein paar braune Flecken, schmeckte aber köstlich. Anna legte die Schale
in den Korb und lehnte sich müde zurück. Die Strecke, die sie jeden Morgen ging,
war beachtlich und es kam schon ab und zu vor, dass sie hier auf der Bank ein
kurzes Nickerchen machte. Sie schloss die Augen und es dauerte nicht lange, bis
leise Schnarchlaute zu hören waren. Anna war eingeschlafen.
Sie hatte gerade den Fuß auf die letzte Treppenstufe gesetzt und war im Begriff die
Haustür zu öffnen, als ein ohrenbetäubendes Krachen sie zusammenzucken ließ.
Automatisch ging sie in die Hocke und legte ihre Arme schützend über den Kopf. Ihre
schreckgeweiteten Augen suchten den Weg zum nahen Keller. Ihr ganzer Körper
zitterte wie Espenlaub. Sie lauschte, aber statt der aufheulenden Sirenen, die sie
erwartet hatte, vernahm sie nur Fußgetrappel, das sich anhörte als würde eine Herde
wilder Pferde durch die Römmelgasse preschen. Dann eine Stimme, deren harscher
Ton ihr das Blut in den Adern gefrieren ließ. >Du nach oben. Ihr schaut im Keller.
Durchsucht das ganze Haus, wir nehmen alle mit.< Anna hatte Angst. Was war da
draußen los. Noch immer kauerte sie in der Hocke vor der geschlossenen Haustür.
Sie sah auf ihre Uhr und stellte erschrocken fest, dass ihr nicht mehr viel Zeit blieb,
um pünktlich bei der Arbeit zu sein. Noch nie war sie in den letzten drei Jahren zu
spät gekommen. Nicht einen Tag hatte sie gefehlt. Sie hatte großes Glück gehabt,
dass sie direkt nach der Schule bei der Firma Arnold eine Stelle in der Produktion
bekommen hatte. Sie und ihre Mutter brauchten das Geld, das Anna dort verdiente
jetzt umso mehr. Vor nicht einmal vier Wochen hatte sie die schreckliche Nachricht
erreicht, dass ihr älterer Bruder in Afrika gefallen ist. Der Jüngere war in Russland
und von ihrem Vater hatten sie schon wochenlang kein Lebenszeichen mehr
erhalten. Ihre Mutter war krank und konnte nicht mehr arbeiten, also lag es ganz
alleine an ihr, für den Unterhalt zu sorgen. Allen Mut zusammennehmend stand Anna
auf, öffnete die Tür einen kleinen Spalt und sah hinaus. Auf der gepflasterten Strasse
stand ein großer, brauner LKW des Militärs, dessen Plane nach oben geschlagen
war. Davor ein Jeep mit geöffneten Türen, flankiert von zwei Soldaten, die ihre
Maschinengewehre auf das Haus der Guttenbergers gerichtet hatten. >Oh mein
Gott!< rief Anna und hielt sich sofort die Hand vor den Mund. Ihre Augen waren
unverwandt auf die Soldaten gerichtet, aber es schien, als ob die Beiden nichts
gehört hatten. >Bitte nicht die Guttenbergers!<, flüsterte sie durch die vorgehaltene
Hand. Tränen standen in ihren Augen. Erst gestern bei der Arbeit hatte man erzählt,
dass Sinti- und Roma-Familien aus Stuttgart abgeholt und in ein Zigeunerlager nach
Auschwitz-Birkenau gebracht wurden. Niemand wusste genau was es mit diesem
Lager auf sich hatte und was dort passierte, aber es kursierten unzählige Gerüchte,
die Anna einfach nicht glauben wollte. Mittlerweile standen ein paar ihrer Nachbarn
auf der Straße und beobachteten das Haus mit der Nummer acht. Sie wusste, dass
sie los musste und fragte sich, was denn passieren sollte, wenn so viele Leute
zusahen. Also zog Anna die Tür ein Stück weiter auf, trat einen Schritt auf die Straße
und schloss die Haustür wieder. Sie wollte nicht sehen, was im Haus ihrer Nachbarn
passierte und richtete den Blick auf die Straße. Wenn ich schnell gehe, dachte sie,
dann schaffe ich es noch pünktlich zur Arbeit. Gerade als sie losging, hörte sie ihren
Namen: >Anna!< Die kindliche Stimme gehörte Elisabeth. Noch einmal rief das
Mädchen: >Anna! Bitte hilf mir!< Abrupt blieb Anna stehen und drehte sich um. Das
Mädchen stand zwischen zwei Soldaten, die sie an den Armen hielten vor dem LKW
und zappelte hin und her. >Bitte! Lasst mich doch los. Ich hab doch nichts getan.<
rief sie. Ihr hilfesuchender Blick wanderte zu Anna. >Eli!< Anna hörte ihre eigene
Stimme wie durch eine Wand aus dicker Watte. Sie streckte ihre Hände nach dem
Mädchen aus, auf das sie so viele Jahre aufgepasst hatte, wenn Elisabeths Eltern
bei der Arbeit waren, und ging langsam auf sie zu. Sofort wurden die zwei Gewehre
auf sie gerichtet. Anna blieb stehen, ohne ihren Blick von dem weinenden Mädchen
zu nehmen. Die nächsten Minuten nahm sie nur wie in einer Art Trance wahr. Alles
erschien irreal.
So stand sie noch, als die Fahrzeuge längst wieder weg waren. Ihr Blick war starr auf
die offen stehende Haustür gerichtet, durch die nach und nach alle Angehörigen der
Familie Guttenberger gebracht worden waren. Anton, Johanna, Berta, Marie,
Elisabeth und zuletzt der Pflegesohn Karl. >Alles gut Ihnen? Kann helfen?< Annas
Starre löste sich und sie drehte sich zu dem Mann um, der sie angesprochen hatte.
Sie sah in ein paar wasserblaue Augen, die sie aufmerksam beobachteten. Er
lächelte sie an und sein ganzes Gesicht schien zu strahlen. Der leichte Nieselregen,
der schon vor einer Weile eingesetzt und den Anna überhaupt nicht bemerkt hatte,
fing sich in den kurzen Stoppeln seiner strohblonden Haare. Er streckte ihr eine Hand
entgegen und legte sich die andere auf die Brust. >Ich Jakob!< Das war der Beginn
einer unbeschreiblichen Liebe.
Sie riss einen Grashalm aus und betrachtete ihn im Licht der Nachmittagssonne,
dann sah sie zu Jakob, der auf der ausgebreiteten Decke lag und schlief. Anna war
glücklich! Die letzten anderthalb Jahre waren wie im Flug vergangen und dieser
August im Jahr 1944 sollte zugleich der glücklichste, als auch der schlimmste Monat
in ihrem Leben werden. Den glücklichsten hatte sie bereits hinter sich. Vor genau
einer Woche an einem Sonn- und Sonnentag wie heute, auf derselben Wiese direkt
an der Rems, hatte er um ihre Hand angehalten. Leise, so dass sie kaum die vielen
Bienen, die in den unzähligen Blumen auf der großen Wiese ihrer Arbeit nachgingen,
übertönte, flüsterte sie seinen Namen und beobachtete ihn. Sein Gesicht lag im
Schatten eines Baumes, der am Rand des Remsufers stand. Er atmete flach und
gleichmäßig. >Jakob!< sagte sie dieses Mal ein wenig lauter und kitzelte ihn mit dem
Grashalm an der Nasenspitze. Er öffnete langsam die Augen und sah sie lächelnd
an. >Bin ich eingeschlafen?< fragte er in einem mittlerweile sehr guten Deutsch.
Anna hatte täglich mit ihm gelernt und war unheimlich stolz auf die Fortschritte, die er
gemacht hatte. Keiner seiner Landsleute, die zusammen mit ihm nach Schorndorf
gebracht worden waren, beherrschte die Sprache so gut wie er. Jakob setzte sich auf
und strich ihr zärtlich die Haare aus dem Gesicht. >Geht es dir gut mein Engel?<,
fragte er, noch immer lächelnd. Sie nickte. >Ich wünschte nur, der Krieg wäre endlich
vorbei und wir könnten zu dir nach Hause und heiraten.< Eine Hochzeit in Nazi-
Deutschland war undenkbar. Sie wussten auch, dass schon das Bekanntwerden
ihrer Liebesbeziehung ein Todesurteil für Jakob hätte sein können. Ein Untermensch
und eine Deutsche war in den Augen der Nazis ein Verbrechen, das die Todesstrafe
verdiente. Zwar genoss er ein paar mehr Freiheiten, als viele seiner Landsleute, da
seine Arbeit bei der Stadt Schorndorf sehr geschätzt wurde, aber keiner konnte
ahnen, ob das auch so bleiben würde. >Das wünsche ich mir auch. Endlich wieder
ein Familie zu haben mit Dir und Adam ist mein allergrößter Traum.< Adam war
Jakobs Sohn, der, wenn er noch lebte, mittlerweile fünf Jahre alt war. Die traurige
Geschichte hatte er ihr schon ein paar Tage nach ihrem Kennenlernen erzählt, wenn
sie sich auch viel hatte zusammenreimen müssen. Damals war sein deutsch noch
ziemlich holprig gewesen. Jakobs Frau war bei der Geburt des Sohnes gestorben
und er hatte ganz alleine für das Baby sorgen müssen. Als die Deutschen ihn dann
nach Stuttgart verschleppten, wurde der zweijährige in die Obhut von Jakobs
Nachbarin gegeben. Noch im Gefängnis hatte er angefangen Briefe an ihn und die
Nachbarin zu schreiben. Abschicken konnte er sie nicht, doch sie waren sein
wertvollstes Hab und Gut, das er immer am Körper trug. Kaum, dass er nach
Schorndorf kam und in der städtischen Schreibstube seine Arbeit aufnahm, schickte
er das erste Päckchen nach Polen. Seitdem brachte er jede Woche einen langen
Brief auf den Weg. Antwort hatte er nie bekommen, aber Jakob gab die Hoffnung
nicht auf. Tief in seinem Innern spürte er, dass Adam noch am Leben war. Ganz
anders als die vielen Zwangsarbeiter hier in Schorndorf, genoss Jakob einen
Sonderstatus. Er war dreisprachig aufgewachsen und sprach neben polnisch auch
russisch und sogar französisch, das er seiner Großmutter verdankte, die ursprünglich
aus dem Elsass kam. Er wurde als Dolmetscher eingesetzt, hatte sonntags und
manchmal auch den Samstag frei und es war ihm sogar erlaubt, ohne das
Kennzeichen für Ostarbeiter aus dem Haus zu gehen. Sein Blick war in weite Ferne
gerichtet und Anna nahm seine Hand in die Ihre. >Ich weiß, dass alles ein gutes
Ende nehmen wird, moje kochanie! Mein Liebling.< Er küsste sie leidenschaftlich,
nicht ohne sich vorher zu vergewissern, dass niemand in der Nähe war, der sie
beobachtete. Anderthalb Jahre war es ihnen gelungen, sich beinahe täglich heimlich
zu treffen, und das sollte auch so bleiben. Wie sehr Anna sich jedoch mit dem guten
Ende getäuscht hatte, sollte sie nur ein paar Tage später erfahren.
>Jetzt hab dich doch nicht so, Mädchen. Was ist denn schon dabei, wenn wir beide
einmal etwas gemeinsam unternehmen? Wir werden bestimmt viel Spaß zusammen
haben.< Anna hielt ihren Blick gesenkt. Sie mochte nicht in das feiste Gesicht ihres
Vorarbeiters sehen, der sie schon seit Wochen bedrängte und belästigte. Sie hasste
ihn. Er war in ihren Augen einfach nur ekelerregend, außerdem hätte er ihr Vater sein
können. >Ich gehe nicht aus. Ich muss mich um meine Mutter kümmern.< Jetzt hob
Anna den Blick ein wenig und sah in die kleinen, trüben Augen ihres Vorgesetzten.
Eine Strähne seiner fettigen Haare, die er über seine Stirnglatze kämmte, hatte sich
gelöst und lag jetzt zwischen diesen Schweinsäuglein auf seiner Nase. >Ach so, du
gehst nicht aus. Aber bei dem dreckigen Polacken machst du eine Ausnahme, oder
was?< Das Blut gefror ihr in den Adern und sie sah ihn mit schreckgeweiteten Augen
an. Reiß dich zusammen Anna, versuchte sie sich selbst zu beruhigen. Ihre Knie
wurden weich und sie befürchtete, gleich umzukippen. Er darf nicht merken, dass du
Angst hast. >Ich weiß nicht was sie meinen.< antwortete Anna, wie sie hoffte mit
fester Stimme, aber das Zittern war nicht zu überhören. Er lachte höhnisch und Anna
war jetzt wirklich einer Ohnmacht nah. >Du willst mich wohl für dumm verkaufen. Ich
weiß genau, was da läuft, aber dem werde ich jetzt ein Ende bereiten.< Er drehte
sich um, ließ Anna einfach stehen und stapfte davon. Noch am selben Tag wurde
Jakob von der Gestapo direkt aus der Schreibstube im Rathaus abgeholt und in das
Polizeigefängnis Welzheim gebracht. Anna hatte sich krank gemeldet und war ihrem
Jakob gefolgt. Sie konnte bei einer Cousine unterkommen, die direkt neben dem KZ
Welzheim, wie es im Volksmund genannte wurde, wohnte. Jeden Tag saß sie am
Fenster und hoffte, ihn einmal zu Gesicht zu bekommen. Am frühen Morgen des
fünften Tages nach seiner Verhaftung brachte man ihn weg. Anna rannte aus dem
Haus, so schnell sie konnte und versuchte dem LKW zu folgen, in dem Jakob saß.
Sie wusste, wohin man ihn bringen würde, denn ihre Cousine war über die meisten
Aktivitäten des KZ bestens informiert. Anna wusste auch, dass es keine Hoffnung
mehr für Jakob gab und trotzdem rannte sie immer weiter. Als sie am Welzheimer
Steinbruch ankam, sah sie gerade noch, wie man Jakobs Leichnam abschnitt und
auf die Ladefläche des LKW‘s hob. Sie hatten ihn erhängt. Schluchzend brach Anna
zusammen und stammelte: >Jakob, Moja milosc! Moje zycie!<
>Anna?< Tränen liefen ihr über die Wangen und sie hörte ihren Namen in weiter
Ferne. >Anna?< Sie öffnete die Augen und sah auf das hölzerne Kreuz. Sie musste
eingeschlafen sein. Der lebendige Traum hielt sie noch gefangen. >Anna?< Sie
erschrak und drehte sich zu Seite. Sie hatte nicht bemerkt, dass sich jemand neben
sie gesetzt hatte. Ihr Blick war verschleiert von den Tränen und sie nahm wieder ihr
Schneuztuch, um sich das Wasser aus den Augen zu reiben und zu sehen, wer sie
angesprochen hatte. Ihr Herz setzte für einen kurzen Moment aus, dann entspannte
sie sich. Sie träumte wohl noch immer, denn sie sah in Jakobs Gesicht, das sie in
gewohnter Weise anlächelte. >Sind sie Anna?< Sie nickte verwirrt. Wieso stellte er
ihr diese Frage. Er wusste doch genau, wer sie war. Sie spürte, wie er eine Hand auf
ihren Arm legte. >Ich bin Filip<, stellte er sich vor. >Jakob war mein Großvater.< Jetzt
erst begriff Anna. Der junge Mann neben ihr war Adams Sohn. Lange brachte sie
kein Wort heraus, sondern starrte nur in das Gesicht, das ihr so bekannt war.
>Filip?< Ihre Stimme war heißer. Jetzt war er es, der nickte. >Ich bin so froh, dass
ich Sie endlich gefunden habe<, sagte er lächelnd. >Sie haben im Schlaf seinen
Namen gerufen und polnisch gesprochen. Moja milosc! Moje zycie! Meine Liebe!
Mein Leben! Haben Sie von ihm geträumt?< Ein wehmütiges Lächeln huschte über
Annas Gesicht. >Wie so oft, wenn ich an diesem Platz sitze<, beantwortete sie seine
Frage.
An diesem Sonntag verpasste sie den Gottesdienst. Lange saß sie mit Filip, der ihre
knochige Hand in seine genommen hatte, nur schweigend da, dann begann er zu
erzählen. >Als mein Vater dieses Frühjahr gestorben ist, mussten wir seine Wohnung
ausräumen. Unter dem Bett fand ich dann diesen Karton. Er war vollgestopft mit
alten Briefen. Briefe, die mein Großvater während des Kriegs an meinen Vater
geschrieben hatte. Bis zu dem Tag wusste ich nur, dass Opa Jakob im zweiten
Weltkrieg gefallen ist und ich wollte mehr erfahren.< Mit dem Daumen streichelte er
gedankenverloren und liebevoll Annas Handrücken. >Natürlich habe ich die Briefe
gelesen und mein größter Wunsch war es, diese Frau kennenzulernen, die mein
Großvater über alles geliebt hatte. Meine Frau hat dann vorgeschlagen, unseren
Urlaub hier in Schorndorf zu verbringen und auf die Suche zu gehen. Ich hatte
befürchtet, nur noch ein Grab zu finden. Dass Sie … dass du jetzt neben mir sitzt, ist
die Erfüllung eines Traums.< Anna schluckte die wieder aufsteigenden Tränen
hinunter. Sie konnte ihren Blick nicht von dem jungen Mann abwenden, der ihr ein
Stück Vergangenheit zurück gebracht hatte.
Es klingelte an der Haustür. >Ich geh schon!<, sagte Filip und stand vom
Küchentisch auf. Nachdem er Anna vom alten Friedhof nach Hause begleitet hatte,
war er zum Hotel gegangen und hatte seine Frau und die beiden Kinder abgeholt.
Die letzten Stunden waren wie im Flug vergangen. Anna erzählte von Jacob und
auch von Erwin. Ihre neue Familie hatte aufmerksam den Geschichten gelauscht, die
nur so aus ihr heraussprudelten. Der Umstand, dass sie nicht blutsverwandt waren,
spielte überhaupt keine Rolle. Filip kam mit dem Oberbürgermeister, der einen
riesengroßen Strauß in Händen hielt, zurück. Die Glückwünsche der Stadt
Schorndorf nahm Anna glücklich entgegen. Sie war sehr froh, gestern genug
Nusshörnchen gekauft zu haben, dass es auch noch eins für Herrn Klopfer reichte.
Nachdem Sie ihn mit Kaffee und Gebäck versorgt hatte, stellte Anna den Strauß ins
Wasser und trug die Vase zum offen stehenden Fenster. Sie sah in den wolkenlosen,
tiefblauen Himmel und flüsterte leise: >Tut mir leid Erwin, tut mir leid Jakob. Ich kann
jetzt noch nicht kommen. Ich muss doch sehen, wie meine beiden Urenkel groß
werden.< In ihrem Kuss, den sie zum Himmel schickte, steckte so viel Liebe, dass es
für mehr als zwei Menschen gereicht hätte.
>Babcia!< Sie sah nach unten zu dem kleinen 8-jährigen Mädchen mit den blonden
Zöpfen, das aufgeregt an ihrer Strickjacke zog. >Babcia! Können wir nochmal die
Fotos von Uropa Jakob und Erwin anschauen?< Ihre Augen füllten sich mit Tränen,
aber dieses Mal waren es Freudentränen. Die Trauer der letzten Jahre war
verschwunden. Anna war einfach nur glücklich und wusste, dass sich mit dem
heutigen Tag ihr restliches Leben verändern würde.

Posted on: 12. Juli 2016marinakunzi

2 Gedanken zu „Der 90. Geburtstag

  1. Liebe Marina, durch Zufall bin ich auf diese Geschichte gestoßen … Unglaublich! Ich hatte mich schon gewundert, warum ich von diesem Buch noch nichts wusste… kein Wunder, es ist eine Kurzgeschichte! Und was für eine! Woher hast Du nur Deine ganzen Infos?? Ich war vom ersten Satz an wie gefesselt und irgendwann habe ich nur noch geheult! Unglaublich wie lebhaft, treffend, kurzweilig, mitreißend und unterhaltsam Du schreiben kannst! Ich freue mich schon aufs nächste Buch und kann es kaum erwarten! Immer wieder absolut klasse 🙂 GLG Gitte

    1. Liebe Gitte, sorry – irgendwie verpeile ich meine Homepage immer komplett. Vielen Dank für dein Lob. Du hast dir aber auch meine schönste Geschichte ausgesucht. Ist mein absoluter Liebling 🙂 Hoffe wir sehen uns bald mal wieder. GLG Marina

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