Kurzgeschichten

Zauberhafte Weihnachtswelt

Wie es zu dieser Geschichte kam

Anfang des Jahres hat mich Daniel Grbic angeschrieben und gefragt, ob ich nicht Lust hätte einen Text für ein Video vom Schorndorfer Weihnachtsmarkt zu schreiben. Natürlich habe ich sofort zugesagt, da Daniel für mich den tollen Trailer zum Sondereinsatz Motocross gedreht hat. Ihm schwebte eine kleine Liebegeschichte vor. Das traf sich gut, denn meine Tante Rose, die auch Testleserin meiner Krimis ist, wünscht sich schon lange eine Liebesgeschichte von mir. Das Jahr war viel zu schnell vorbei und Ende Oktober drängte die Zeit. Also begann ich die Geschichte von und um Leni Schmittke zu schreiben.  Mir kam die Idee, sie zu verschenken als Dank für die Unterstützung die ich von Schorndorf und vielen Schorndorfern in den letzten Jahren bekommen habe. Manche Menschen haben ein Problem, Geschenke anzunehmen und daraus entstand Idee Nummer zwei. Wir stellen eine Spendenbox dazu und jeder, dem danach ist, darf auch etwas reinwerfen. Wie am Anfang der Geschichte Leni so schön ausführt, sind wir in der Vorweihnachtszeit spendabler und so hoffe ich, dass etwas Geld zusammenkommt, welches dann die „Tafel Schorndorf“ erhalten wird. Natürlich ist Ihre Spende kein Muss, aber freuen würde ich mich schon, wenn wir gemeinsam die Menschen unterstützen, denen es nicht so gut geht. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine wunderschöne, ruhige und besinnliche Vorweihnachtszeit.

Herzlichst

Marina Kunzi

© 2016 Marina Kunzi, Steinenberg

Bevor ich beginne, meine Geschichte zu erzählen, möchte ich mich Ihnen gerne vorstellen. Ich heiße Leni, bin 32 Jahre alt und wohne schon genauso lange in Schorndorf. In meinem Pass steht Leonore, aber ich weiß nicht, was meine Eltern damals geritten hat, mir einen Namen zu geben, der an einen Weichspüler erinnert. Für gute Freunde, die wir am Ende dieser Geschichte hoffentlich sein werden, bin ich Leni oder Leo. Sie fragen sich jetzt sicher, was will diese Frau von mir. Ich kann Ihnen das gerne erklären, aber dazu muss ich etwas weiter ausholen.

Weihnachten ist das Fest der Liebe. Diese Beschreibung der Feiertage im Dezember bekommen wir ständig vorgebetet. Ob im Fernsehen, im Radio oder in den sozialen Medien. Kaum hat der Dezember begonnen, beginnen wir, uns zu verändern. Vielleicht sind gerade Sie ja anders, aber ich kenne viele Menschen, auf die das zutrifft. Ich gehöre, oder sagen wir lieber gehörte auch dazu, bis mir im letzten Jahr das passierte, was ich Ihnen gerne erzählen möchte. Aber dazu später. Kommen wir noch einmal auf die Veränderungen zu sprechen. Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass die immer näher kommenden Feiertage uns weicher machen. Empfänglicher und empfindlicher, offener und herzlicher.

Mit Tränen in den Augen hören wir uns rührselige Geschichten an, bei denen wir im Sommer wahrscheinlich keine Miene verziehen würden. Die Herzen öffnen sich und die Geldbeutel auch. Es steht außer Frage, warum gerade im Dezember unzählige Spendentütchen im Briefkasten landen. Warum wir sie füllen? Ich vermute, wir haben ein schlechtes Gewissen, weil uns das ehrliche Gefühl für Weihnachten in der Hektik des Alltags verloren gegangen ist. Wie schon erwähnt, ging es mir genauso. Alle Jahre wieder habe ich mich vom Vorweihnachtsstress gefangen nehmen lassen. Wie viele andere stand auch ich an Heiligabend im Kaufhaus und suchte verzweifelt nach Geschenken für Familie und Freunde. Wie für Viele kam auch für mich der Heiligabend völlig überraschend. Oft waren es Notfallgeschenke, die ich kaufte. Das beliebteste, nämlich ein schön verpackter Gutschein lag oft unter dem Weihnachtsbaum.

In diesem Jahr ist alles anders. Der Dezember hat gerade erst angefangen und ich habe schon fast alle Geschenke gekauft. Zu jedem einzelnen habe ich mir Gedanken gemacht und ich bin gespannt, wie sie ankommen werden. Spüre ich da ein wenig Neid? Sie müssen nicht neidisch sein, denn es ist ganz einfach. Sie müssen es nur versuchen und glauben Sie mir, es macht viel mehr Spaß sich dafür Zeit zu nehmen. Natürlich könnten Sie jetzt argumentieren, dass mittlerweile der Konsum an Weihnachten im Vordergrund steht und Weihnachtsgeschenke Pflicht sind. Da gebe ich Ihnen Recht, aber haben Sie schon einmal versucht Weihnachten ganz ohne Geschenke zu feiern? Ich habe diese Erfahrung schon gemacht und ich kann Ihnen sagen, das war nicht wirklich prickelnd. Ein Geschenk gehört einfach dazu. Es muss nichts Teures sein und auch nichts Großes. Die Hauptsache ist, dass unter dem Baum ein liebevoll eingepacktes Päckchen liegt.

Jetzt bin ich aber etwas abgeschweift, tut mir leid. Eigentlich hatte ich versprochen, Ihnen meine Weihnachtsgeschichte zu erzählen. Was im letzten Jahr passiert ist, das mich meine Sichtweise auf die Feiertage hat ändern lassen. Alles begann am Samstag vor dem ersten Advent. Dem Tag, an dem die meisten Weihnachtsmärkte stattfinden oder beginnen.

Ich wollte mich an diesem Samstag, vor fast genau einem Jahr, mit Freunden in Steinenberg treffen. Der kleine Weihnachtsmarkt dort findet immer nur am Tag vor dem ersten Advent statt. Mittlerweile ist es eine logistische Meisterleistung, wenn man alle Weihnachtsmärkte der Gegend besuchen möchte. Es gibt sehr viele davon und die meisten von ihnen finden eben leider, genauso wie der in Steinenberg, nur am ersten Adventswochenende statt. Meine Priorität liegt eindeutig bei unserem Schorndorfer Weihnachtsmarkt, denn da kann ich ohne schlechtes Gewissen auch mal zwei oder drei Glühwein trinken. Von meiner Wohnung bis zum Marktplatz brauche ich zu Fuß, wenn ich nicht trödle, gerade mal fünf Minuten. Ich hatte viel zu tun gehabt an diesem Samstag und nicht wirklich Lust noch nach Steinenberg zu fahren, aber versprochen ist versprochen. Umso glücklicher war ich, als der Anruf von Franzi kam.

»Hör mal, Leni, es macht keinen Sinn, wenn du zu uns rauskommst. Nicht, dass ich dich nicht sehen möchte, doch es ist spiegelglatt und es hat schon ein paar Mal gescheppert. Du könntest mit dem Wiesel fahren, aber wir können unser Treffen auch verschieben.« Für die nicht Einheimischen: Wiesel wird die Bahn genannt, die durch das Wieslauftal fährt und Schorndorf mit Rudersberg verbindet. »Ja klar, ich fahr mit dem Wiesel und gehe dann von Miedelsbach zu Fuß. Keine gute Idee. Ich muss am Montag wieder Arbeiten und mit einem gebrochen Arm oder Bein ist das nicht so produktiv.« »Das kann ich gut verstehen«, hatte Leni verständnisvoll geantwortet und vorgeschlagen: »Dann kommst du einfach nächste Woche und wir gehen zum Rudersberger Adventswald.« Das Schicksal wollte es, dass aus meinem Treffen mit Franzi auch eine Woche später nichts geworden ist und, dass ich an diesem alles verändernden Samstag in Schorndorf geblieben bin.

Es hatte schon den ganzen Tag über geschneit und auch jetzt fielen noch vereinzelte Flocken aus dem bereits dunkel werdenden Himmel. Ich schlug den Kragen meines Mantels hoch und schaute fasziniert nach oben. Wie lange hatte es das schon nicht mehr gegeben, dass pünktlich zum Beginn der Vorweihnachtszeit Schnee gefallen ist. Eine der Flocken blieb auf meiner Nasenspitze liegen und ich versuchte, wie früher, sie abzulecken. Es gibt tatsächlich Menschen, die es schaffen, mit der Zunge an die Nasenspitze zu kommen. Ich gehöre nicht dazu. Also genoss ich das Kribbeln, bis die Schneeflocke auf meiner Nase geschmolzen war und versuchte dann mit meiner Zunge die eine oder andere direkt einzufangen. Ich fühlte mich um Jahre zurückversetzt und war so unbeschwert glücklich, wie in meiner Kindheit. Langsam machte ich mich auf den Weg Richtung Marktplatz und genoss das Knirschen des frisch gefallenen Schnees unter meinen Stiefeln. Schon von weitem hörte ich die Musik einer Drehorgel, die gerade „I’m dreaming of a White Christmas“ spielte. Ich beschleunigte meine Schritte und wünschte mir von ganzem Herzen, dass wir tatsächlich einmal wieder weiße Weihnachten würden feiern könne. Im Gehen kramte ich etwas Kleingeld aus meiner Tasche und warf es in den Hut des Drehorgelspielers, der mich dankbar anlächelte. Ich lächelte zurück. Er sah so glücklich aus und man spürte, dass es ihm großen Spaß machte, die Orgel zu spielen. Ich blieb noch einen Moment stehen und lauschte seiner Musik, dann zog mich ein kaum wahrnehmbarer Geruch von dem Drehorgelspieler weg. Mit jedem Schritt, den ich ging, wurde der Duft von Glühwein, Würstchen und gebrannten Mandeln stärker. Es schneite wieder heftiger, aber das störte mich überhaupt nicht. Ich konnte es kaum erwarten, den ersten Glühwein der Saison zu trinken und gerade auf Höhe der Palm’schen Apotheke angekommen, hatte ich auch schon einen Becher in der Hand.

»Ich hab dich schon von weitem kommen sehen und mir gedacht, dass du den bestimmt gebrauchen kannst.« Meine Freundin Bea ist ein Goldstück und hat genau erkannt, wonach mir in diesem Moment der Sinn stand. Sie hakte mich unter und führte mich an einen der Stehtische. »Ich bin froh, dass du dich um entschieden hast und nicht nach Steinenberg gefahren bist.« Bea prostete mir zu und trank vorsichtig einen kleinen Schluck. »Lecker, nicht wahr?« Ich nickte. »Aber sehr heiß!« »Ein Glühwein muss heiß sein. Außerdem wird er bei dem Wetter ziemlich schnell kalt.« Wieder nickte ich zustimmend. »Ich hoffe aber nicht, dass du dich jetzt übers Wetter beschweren möchtest. Ich bin so froh, dass es endlich schneit.« Bea sah zum Himmel. »Auf keinen Fall! Ich freue mich wie ein kleines Kind. Wenn das so weitergeht dann können wir morgen Schlitten fahren.« Ich musste lachen bei der Erinnerung an unsere letzte Schlittenfahrt, die in einem kleinen, leider nicht zugefrorenen Bach geendet hatte. »Wenn du das mit dem Bremsen mittlerweile drauf hast, dann bin ich dabei!« »Du darfst mich gerne Hackl Schorsch nennen«, erwiderte Bea. Vielleicht sollte ich an dieser Stelle erwähnen, dass Bea ein Riesenfan unseres ehemaligen Rodelweltmeisters ist. »Aber jetzt muss ich dich ganz kurz alleine lassen. Das ist schon mein Zweiter«, sagte Bea und deute auf ihren Glühweinbecher. »Ich sollte den ersten kurz entsorgen.«

»Verlauf dich aber nicht«, bat ich sie, nahm noch einen Schluck von dem Glühwein, der wirklich hervorragend schmeckte und sah mich um. Es wurde immer voller. Die Schlange vor dem Stand, an dem es echte Thüringer Rostbratwürste gab, war schon beachtlich lang. Vor lauter Menschen konnte ich kaum den Schafstall sehen, aber dafür hörte ich die Tiere blöken. Ein kleines Mädchen erregte meine Aufmerksamkeit. Sie stand irgendwie hilflos zwischen all den großen Menschen in der Schlange. Heute kann ich nicht mehr genau sagen was es war, das mich damals an Merle so fasziniert hat. Mittlerweile kenne ich viele Gründe, die dieses Mädchen zu etwas ganz Besonderem machen. Wahrscheinlich war es die unpassende Kleidung der Kleinen mit den langen blonden Zöpfen gewesen. Sie trug, für das kalte Wetter, eine viel zu leichte Jacke und ihre dünnen Beinchen steckten in einer pinkfarbenen Leggins. Die kleinen grünen Turnschuhe waren sicher auch nicht gerade warm. Ärger stieg in mir hoch. Wie konnte jemand sein Kind im Winter so auf die Straße schicken? Mein Blick suchte die Menge ab in der Hoffnung, Vater oder Mutter des Mädchens zu entdecken. Niemand sonst schien sich für die Kleine zu interessieren und mein Ärger schlug langsam in Wut um. Wie unverantwortlich. Das Mädchen war höchstens sechs oder sieben Jahre alt. Erneut wanderte mein Blick über die Menschenmenge und da stand er. Holger von Dreesen in voller Größe. Mein Herz setzte für einen Moment aus und ich fühlte mich benommen. Meine Knie zitterten und ich musste mich am Stehtisch festhalten. Holger von Dreesen. Ich konnte es nicht glauben. Wie lange war das her? Ich rechnete kurz und kam auf eine Zahl, die ich nicht erwartet hätte. War es wirklich schon achtzehn Jahre her, dass mir dieser Mann das Herz gebrochen hat? Es musste wohl so sein, denn damals war ich dreizehn oder vierzehn gewesen. Er sah phantastisch aus. Die hellbraunen Locken von damals hatte er immer noch, aber jetzt trug er sie schulterlang. Sein Gesicht war sonnengebräunt. Ich fragte mich, ob er noch in Florida wohnte und nur zu Besuch hier war. Ausgehend von seiner gesunden Gesichtsfarbe musste es wohl so sein. Sollte ich zu ihm gehen und „Hallo“ sagen? Keine gute Idee. Ich würde wahrscheinlich kein Wort herausbekommen und erkennen würde er mich bestimmt auch nicht. Schon damals in der Schule hatte er mich nie beachtet, obwohl ich doch so verliebt gewesen war. Jeden verflixten Tag hatte ich seine Nähe gesucht. In den Pausen bin ich auf den Raucherhof, nur um einen kurzen Blick auf ihn werfen zu können. Das hatte mir oft Ärger mit der Aufsicht eingebracht, aber es war mir total egal gewesen. Ein einziges Mal hat er mir zugelächelt, dafür habe ich ihm dann drei volle Seiten in meinem Tagebuch gewidmet. »Holger von Dreesen«, seufzte ich. »Was?« Ich hatte gar nicht bemerkt, dass Bea zurückgekommen war. »Ach nichts!« »Du träumst doch schon wieder.« Ich lächelte nur. Bea nahm mir den mittlerweile leeren Becher aus der Hand. »Ich hol uns noch einen.«

Mein Blick wanderte wieder zu der Schlange am Thüringerstand und ich konnte gerade noch sehen, wie ein blonder Hüne mein kleines Mädchen rüde zur Seite schob, so dass sie beinahe gefallen wäre, und sich vor sie in die Reihe stellte. Das Mädchen sah mit großen Augen zu ihm hoch, dann trat sie ihm in die Wade. »Hey Mann, stell dich hinten an!«, hörte ich sie mit fester Stimme sagen. Der Rüpel reagierte nicht. Jeder Erwachsene hätte wahrscheinlich ziemlichen Respekt vor diesem recht gefährlich aussehenden Mann gehabt, aber die Kleine stemmte die Arme in die Hüften und sagte: »Hallo, ich rede mit Ihnen. Stellen sie sich hinten an.« Noch einmal trat sie ihm mit ihren kleinen Füßen gegen die Wade, dann ging alles ganz schnell. Der Hüne drehte sich zu dem Mädchen um, hob es hoch und sah es grimmig an. »Was glaubst du eigentlich, mit wem du redest?«, fragte er und seine Augen funkelten dabei böse. »Lassen Sie mich sofort runter«, beschwerte sich die Kleine und zappelte in seinen starken Armen. Alle Umstehenden starrten die beiden an, aber keiner reagierte. Keiner bis auf Holger. Er war aus der Schlange nach vorne getreten. »Lassen Sie die kleine Lady sofort runter!«, befahl er dem Mann, der ihn ungefähr einen halben Kopf überragte. »Und wenn nicht? Was willst du machen? Mich auch treten, wie die kleine Göre?« Der Hüne lachte hämisch. »Ich kenne da andere Mittel«, antwortete Holger von Dreesen. »Du willst mir drohen?« »Ich möchte nur, dass sie die Kleine loslassen.« Holger stellte sich noch dichter vor den Mann, der das Mädchen mittlerweile mit nur einer Hand hielt. Die Andere erhob er drohend gegen Holger von Dreesen. Ich wollte gerade losgehen, um mich einzumischen, als sich die Starre der umstehenden Menschen zu lösen begann. Zwei Frauen, griffen beherzt nach dem kleinen Mädchen. Überraschenderweise ließ der Hüne sofort los. Drei Männer unterschiedlichen Alters stellten sich neben Holger und drängten den immer wütender werdenden Mann zurück. Ich war froh, dass es doch noch so etwas wie Zivilcourage gab. Das anschließende Handgemenge endete mit einem lauten Krachen und einem schmerzerfüllten Blöken. Der Hüne war in den Schafstall gefallen. Jetzt konnte ich nicht anders. Ich ging los und schob mich durch die Menge. »Bitte lassen Sie mich durch«, bat ich und hatte kurz darauf den Stall erreicht. Der Hüne lag im Stroh auf einem der Lämmer. »Stehen sie auf! Sofort!« Es war keine Bitte, die ich aussprach. Mein scharfer Ton zeigte Wirkung. Der Mann rappelte sich auf. Angewidert betrachtete er seine dreckigen Jeans, sah mich mit einem nichtdeutbaren Blick an und trollte sich in Richtung Rathaus. Das Lamm lag reglos auf dem Boden und ich kniete mich neben das Tier ins Stroh. Sofort begann ich es zu untersuchen. Hatte ich eigentlich schon erwähnt, dass ich Tierärztin bin? Vermutlich nicht. Seit drei Jahren betreibe ich meine eigene kleine, aber auch sehr gut gehende, Praxis in Schorndorf. Ich spürte einen kräftigen Puls und die Blicke unzähliger Augen in meinem Rücken. Mit geübten Griffen tastete ich zuerst die Wirbelsäule, dann die Beine des Lämmchens ab. Wie die umstehenden Menschen beäugte mich auch das Muttertier kritisch, bereit einzugreifen, wenn ich ihrem Baby weh tun würde, aber das Schaf schien zu spüren, dass ich nur helfen wollte. Ich konnte keinerlei Brüche feststellen. Ein Mann kniete sich neben mich. »Ist Olga okay?«, fragte er und legte eine Hand auf das weiche Fell des Lämmchens. Ich vermutete, mit dem Besitzer zu sprechen und nickte. In dem Moment öffnete das kleine Tier die Augen. »Ja«, sagte ich. »Olga ist nichts passiert.« Gemeinsam halfen wir ihr aufzustehen und kaum, dass ihre vier Beinchen im Stroh standen, ging die kleine Olga etwas schwankend zu ihrer Mutter und drückte sich Schutz suchend an deren Körper. Eine Hand tauchte neben meinem Gesicht auf. Ich griff danach und ließ mich hochziehen. Als ich stand, hob ich den Kopf und sah in die leuchtenden, blaugrauen Augen Holger von Dreesens. Er lächelte und in meinem Bauch machte sich ein Gefühl breit, das ich schon lange nicht mehr gespürt hatte. Es waren keine Schmetterlinge, sondern eher, wie von Herbert Grönemeyer besungen, Flugzeuge, die wild durcheinander flogen und mich lähmten. Ich starrte ihn an wie ein Teenager der seinem Pop Idol gegenübersteht. Kein Wort kam über meine Lippen. »Alles in Ordnung mit Ihnen?«, fragte er besorgt. Ich konnte nur nicken und irgendwie brachte ich dann doch ein krächzendes »Ja danke« heraus. Er schien mich nicht zu erkennen, denn höflich stellte er sich vor: »Holger von Dressen, guten Abend!« »Leni Schmittke«, sagte ich nur und irgendwie war ich froh, nach der Scheidung nicht wieder meinen Mädchennamen angenommen zu haben. Ich wollte nicht, dass er sich an das pickelige, pummelige Mädchen mit der Hornbrille erinnerte, das ihm unzählige Briefe geschrieben hatte, von denen allerdings nur ein einziger abgeschickt worden war. Er strahlte. »Schön, sie kennenzulernen, Leni. Darf ich sie zu einem Glühwein einladen?« Ich konnte ihm keine Antwort geben. Meine Augen suchten das kleine Mädchen und ich entdeckte es, kurz vor dem Grill, zwischen den beiden Frauen, die es aus den Händen des Hünen gerettet hatten. Es schien ihr gut zu gehen. »Und, darf ich?«, hörte ich die sonore, wohlklingende Stimme Holger von Dreesens. »Was?« »Na, Sie zu einem Glühwein einladen?« »Ich bin mit einer Freundin hier.« Er grinste. »Ich denke, mein Taschengeld reicht auch für drei«, sagte er und bevor ich mich versah, hatte er meine Hand genommen und zog mich aus der Menge. »Mensch Leni, ich hab mir schon Sorgen gemacht, als du nicht mehr da warst. Bist du in Ordnung?«, fragte Bea und sah misstrauisch von mir zu Holger. »Es geht mir gut. Darf ich dir Holger von Dreesen vorstellen?« Bea hob die Augenbrauen. »Sie sind…« Noch bevor sie weitersprechen konnte, gab ich ihr einen Tritt gegen das Schienbein und schüttelte beinahe unmerklich den Kopf. Bea wusste von meiner unerwiderten Liebe für meinem Jugendschwarm. Sie hatte verstanden. »Sie sind … der Held, der das kleine Mädchen gerettet hat?« Er nickte verlegen. »Das hat sich schnell herumgesprochen, aber ich würde mich nicht unbedingt als Helden bezeichnen, denn das hätte jeder andere auch getan.« Bea sah ihn durchdringend an. »Da habe ich gerade etwas ganz anderes gehört. Sie waren der Erste, der eingeschritten ist.« »Keine große Sache. Sind das ihre Becher?«, wollte er wissen und zeigte auf eine volle und eine halb geleerte Tasse, die vor Bea standen. »Ja, aber leider schon kalt geworden.« »Macht nichts«, erwiderte er. »Ich hole schnell neue.« Als er außer Hörweite war fragte Bea: »Ist das deine Jugendliebe?« Ich nickte. »Aber er scheint mich nicht zu erkennen. Ich möchte gerne, dass es dabei bleibt, okay?« Bea lachte. »Alles was du möchtest, aber Respekt, das ist wirklich ein außerordentlich gut aussehendes Exemplar von einem Mann.« Ich spürte, wie sich meine Wangen mit Blut füllten, was ich aber nicht der Kälte zuschrieb.

Plötzlich stand das kleine Mädchen neben mir. In der Hand hielt es ein Brötchen mit der Thüringer Wurst und an ihrem Kinn klebte Senf. Die Versuchung ein Taschentuch mit Spucke anzufeuchten und ihr das Gesicht sauberzumachen war groß. »Hallo«, nuschelte die Kleine mit vollem Mund. »Danke schön, dass du dem Lämmchen das Leben gerettet hast. Es springt schon wieder im Stall herum.« Ich musste Lächeln. Sie beobachtete mich mit ihren tiefblauen Augen und wischte sich mit dem Handrücken über den Mund. »Da freu ich mich aber, dass es ihm gut geht. Wie heißt du denn eigentlich?« »Merle Maler und ich bin sechs.« Sie streckte mir ihre Hand entgegen und ich ergriff sie. Merles Finger waren eiskalt. »Hallo Merle Maler. Ich bin Leni und das ist Bea. Freut mich dich kennenzulernen. Wo sind denn deine Eltern?« Ich sah mich um, konnte aber wieder niemanden entdecken, der zu dem Mädchen gehörte. Sie musterte mich aufmerksam. Als wäre es das Natürlichste der Welt antwortete sie: »Im Himmel.« Ich war schockiert und wusste nicht, was ich darauf antworten sollte. Bea kam mir zu Hilfe. »Und mit wem bist du hier?« »Na alleine. Ich bin doch schon groß!« Automatisch, und auch etwas hilflos, nickte ich. Eine Sechsjährige allein auf dem Weihnachtsmarkt. »Wo wohnst du denn?«, hakte Bea weiter nach. Merle gab bereitwillig Auskunft. »Im Kinderheim St. Martin in Stuttgart, aber nur so lange, bis die Schwestern eine Pflegefamilie für mich gefunden haben.« »Bist du etwa ausgerissen?«, übernahm ich die Frage, die Bea eigentlich hatte stellen wollen. Merle sah betreten zu Boden und nickte, dann hob sie den Blick wieder und sah mich direkt an. »Ich wollte die große Nikolausmütze wieder sehen. Ich war mit Mama und Papa letztes Jahr hier.« Merles Augen füllten sich mit Tränen. Schnell ging ich in die Hocke und nahm das kleine Mädchen in den Arm. Ich spürte, wie auch meine Augen feucht wurden. Wortlos streichelte ich Merles Rücken und sie drückte ihren zitternden Körper eng an meinen.

»Na wen haben wir denn da?« Holger war zurückgekommen, stellte die Becher mit Glühwein auf den Tisch und hockte sich neben mich. »Hallo!«, sagte das Mädchen und sah Holger mit verweinten Augen an. »Aber warum weinst du denn? Dem Schäfchen geht es doch gut, oder?« Merle nickte kurz und kuschelte sich dann noch enger an mich. Ich hob die Kleine hoch und sagte: »Bea kann Ihnen das erklären. Wir beide fahren jetzt nach Stuttgart.«

Von den Schwestern im Kinderheim erfuhr ich dann die traurige Geschichte von Merle Maler. Ihre Mutter war im April an den Folgen einer Hirnblutung gestorben. Als ob das noch nicht schlimm genug wäre, starb der Vater kurze Zeit später. Er hatte das Mädchen vor dem Kinderheim abgesetzt und sich dann in einem kleinen Wäldchen erhängt. Ich war entsetzt. Was für eine Tragödie. Die arme Kleine.

Schwester Agnes, die Merle ins Bett gebracht hatte, zeigte mir ein gerahmtes Foto. »Das steht neben ihrem Bett.« Auf dem Foto war ein glückliches, junges Paar zu sehen, in dessen Mitte Merle stand und strahlte. Im Hintergrund erkannte ich das Schorndorfer Rathaus mit der überdimensionalen Nikolausmütze. »Dieses Bild hat sie letztes Weihnachten von ihren Eltern geschenkt bekommen und ihr größter Wunsch war es, den Weihnachtsmarkt zu besuchen. Ich vermute, dass sie gehofft hat, dort ihre Eltern wiederzutreffen. Beinahe jeden Tag hat sie uns gebeten, mit ihr nach Schorndorf zu fahren.« Schwester Agnes faltete die Hände in ihrem Schoss. »Danke, dass sie Merle zurückgebracht haben. Ich bin untröstlich, dass so etwas passieren konnte. Wissen Sie, wir waren auf dem Rückweg von der Wilhelma und am S-Bahnhof war sie dann plötzlich verschwunden. Die Kinder sind wie eine Horde Flöhe«, fügte Schwester Agnes entschuldigend hinzu. Ich nickte verstehend und fragte: »Gibt es denn keine Verwandten, die sich um die Kleine kümmern könnten?« »Herr und Frau Maler kommen ursprünglich aus Bremen. Sie sind kurz nach Merles Geburt hierher gezogen, weil Herr Maler einen Job bei Mercedes angenommen hat. Er hat zwei jüngere Brüder, die sich nicht in der Lage fühlen, für das Kind zu sorgen. Merles Großmutter leidet an MS und wohnt in einem Pflegeheim. Sie hätte ihre Enkelin gerne bei sich, kann aber genauso wenig für Merle sorgen wie ihre Söhne.« Schwester Agnes schenkte mir ein trauriges Lächeln und fuhr fort. »Die Familie von Frau Maler möchte von dem Mädchen nichts wissen. Sie waren schon mit der Hochzeit nicht einverstanden. Wissen sie, in deren Augen war die Vermählung von Merles Eltern nicht standesgemäß. Sie haben ihre Tochter verstoßen und die Kleine einen Bastard genannt.« Ich konnte nichts darauf erwidern, denn ich war fassungslos. »Wie kann jemand so ein süßes Kind ablehnen?«, fragte ich und schüttelte verständnis-los den Kopf. »Mir ging es wie ihnen«, fuhr Schwester Agnes fort. »Ich konnte die Reaktion der Großeltern auch nicht nachvollziehen. In Absprache mit dem Jugendamt haben wir dann beschlossen, die Kleine bei uns zu behalten und nach einer Pflegefamilie zu suchen. Sie war auch schon in drei Familien, kam aber immer wieder zu uns zurück, weil es ihr dort nicht gefiel. Für ihr Alter ist Merle ziemlich selbstständig und weiß, was sie will.« Unwillkürlich musste ich lächeln, denn genau diesen Eindruck hatte ich schon bei Merles Tritt gegen den Hünen gehabt. »Darf ich Merle denn besuchen kommen?«, fragte ich spontan. Jetzt war es die Schwester, die lächelte. Sie antwortete: »Aber selbstverständlich. Merle würde sich bestimmt freuen, Sie wiederzusehen. Rufen Sie einfach vorher kurz an.«

Die ganze Heimfahrt über ging mir das blonde Mädchen nicht mehr aus dem Kopf. Als ich dann von der B29 abfuhr, hatte ich keine Lust wieder auf den Weihnachtsmarkt zu gehen. Natürlich hätte ich sehr gerne Holger von Dreesen noch einmal gesehen, aber ich war nach der Geschichte, die ich im Kinderheim gehört hatte, einfach nicht mehr in Stimmung. Ich wollte nur noch nach Hause. Von dort schrieb ich Bea eine Nachricht und es dauerte keine fünf Minuten, bis sie mich anrief. Ich erzählte ihr von meinem Besuch bei den Schwestern, wie sich dadurch meine Stimmung verändert hat und fragte nach Holger. Bea lachte. »Die ganze Zeit hat er mich gelöchert. Er wollte mehr über dich erfahren. Ich hab ihm nur erzählt, dass du Tierärztin bist und er sich keine Hoffnung machen soll, da für dich das Thema Männer erledigt sei. Ich muss dir allerdings auch ganz ehrlich sagen, dass ich ihn extrem sympathisch finde. Du kannst dir nicht vorstellen, was ich für eine Angst hatte, mich zu verplappern, aber ich hab ihm weiter nichts erzählt. War das okay?« Ich musste kurz überlegen, ob das tatsächlich für mich so in Ordnung war. »Das war absolut okay, Süße. Es wäre mir ziemlich peinlich, wenn er mich erkennen würde. Du kennst ja die Geschichte von damals.« »Die kenne ich, aber ich bin trotzdem der Meinung, dass du dich mal mit ihm treffen solltest.« »Besser nicht. Ich habe viel zu viel um die Ohren und keine Zeit.« »Na, wenn du meinst. Es ist deine Entscheidung.«

Bei einem Glas Rotwein das ich, eingekuschelt in eine warme Decke, auf meiner Couch genoss, dachte ich an Holger. Wieder spürte ich dieses Kribbeln im Bauch. Ja, er war meine Jugendliebe gewesen, aber in der Zwischenzeit war sehr viel passiert. Was, wenn ich mich weder in ihn verlieben würde? Was, wenn ich erneut enttäuscht werden würde? Ich wollte eine so schreckliche Zeit, wie nach meiner Trennung und Scheidung nicht mehr durchmachen. Als ich an diesem Abend zu Bett ging, war ich fest entschlossen, Holger von Dreesen abzublocken, für den Fall, dass er sich melden würde.

Und das tat er dann auch tatsächlich. Er rief in der Praxis an. Am Montag zweimal, am Dienstag viermal und am Mittwoch waren es bis zum Mittag wieder zwei Anrufe. Ich ließ mich jedes Mal verleugnen und habe ihn auch nicht zurückgerufen. Ich war überzeugt, dass er irgendwann aufgeben würde, aber da hatte ich mich getäuscht. Ich war fest entschlossen, keinen Mann mehr in mein Leben zu lassen, auch wenn ich manchmal zweifelte und immer wieder sein Gesicht sah, sobald ich die Augen schloss. Am frühen Mittwochnachmittag rief ich Schwester Agnes an, um zu fragen, ob es in Ordnung wäre, wenn ich am Samstag mit Merle etwas unternehmen würde. Sie war begeistert von meiner Idee. Wir hatten seit Sonntag schon mehrmals telefoniert, weil ich wissen wollte, wie es Merle ging. Immer waren es sehr lange Gespräche gewesen und ich hatte den Eindruck, mit einer alten Freundin zu sprechen. Sie wusste bereits ziemlich viel über mich und gestern Abend hatte sie angedeutet, wie schön sie es finden würde, wenn ich Merle zu mir nehmen könnte. Wir wussten natürlich beide, dass das unmöglich war. Das Jugendamt würde nie die Einwilligung geben. »Merle würde sich bestimmt freuen, wenn Sie sie abholen kommen. Sie spricht ständig von Ihnen und dem jungen Mann, der sie gerettet hat.« »Das ist schön, dann komme ich am Samstag gegen neun?« »Wann immer Sie möchten, Leni. Ich freue mich.« »Und ich mich erst. Danke Schwester, dann bis Samstag.« Kaum, dass ich aufgelegt hatte, klopfte es an der Tür. Mein nächster Patient. Ich sah kurz in den Computer und vermutete hinter der Tür eigentlich Frau Schwarz mit ihrem Kater Thommy, der geimpft werden musste. »Ja, bitte! Kommen Sie herein«, bat ich, stand auf und ging zum Schrank, um die bereit gelegte Spritze zu holen. Die Tür wurde geöffnet und herein kam Holger von Dreesen. Ich hätte beinahe die Spritze fallen lassen, als ich ihn erkannte. Ich konnte ihn nur ansehen und wieder war da dieses komische Gefühl. »Hallo Frau Doktor!«, sagte er nur. Meine Mitarbeiterin Melanie, die sich an ihm vorbei ins Sprechzimmer drückte, erklärte entschuldigend: »Frau Schwarz verspätet sich und das hier ist ein Notfall!« Erst jetzt bemerkte ich, dass Holger einen Welpen auf dem Arm hatte. Melanie nahm das winzige Tier und legte es auf den Behandlungstisch, während ich, anstatt eines Grußes, Holger nur kurz zunickte. Der Welpe fiepte und ich war sofort bei ihm. Mit fachmännischem Blick stellte ich fest, dass es sich um einen Golden Retriever handelte. Maximal zwei Wochen alt und dem Tod näher als dem Leben. Ich legte beide Hände um seinen kleinen Körper und stellte fest, dass der Welpe abgemagert war und wie Espenlaub zitterte. Ich gab Melanie Anweisungen, während ich den Hund genauer untersuchte. Sie stellte eine Wärmelampe über dem Tier auf und brachte mir zwei bereits aufgezogene Spritzen, die ich dem Winzling vorsichtig verabreichte. Seine Augen waren geschlossen und das kleine Herz schlug schwach in seiner Brust. »Wird er es schaffen?« Erst jetzt nahm ich Holger wieder wahr, der noch immer an der Tür stand und dessen sorgenvoller Blick von mir zum Untersuchungstisch wanderte. »Sie!«, sagte ich knapp. Ein Lächeln huschte über seine Lippen. »Benissimo, grazie!« Ich hatte verstanden und konnte mir trotz dem Ernst der Lage ein Grinsen nicht verkneifen. »Sie ist ein Mädchen«, klärte ich das Missverständnis auf und streichelte die kleine Hündin an der Stelle zwischen ihren Augen. »Die Chancen stehen nicht besonders gut. Sie ist unterkühlt und sehr geschwächt. Ich werde tun, was in meiner Macht steht, aber wir brauchen ein kleines Wunder. Wo haben sie die Kleine eigentlich her?« »Aus einer Mülltonne im Schlosspark«, antwortete er und setzte erklärend hinzu: »Ich wollte nur ein Kaugummipapier entsorgen und da lagen sie. Die anderen drei waren nicht mehr am Leben, aber die Kleine lag zwischen ihren Geschwistern und hat wohl dadurch etwas mehr Wärme abbekommen.« Ärger stieg in mir hoch und ich musste mich zusammenreißen, um nicht Wörter zu gebrauchen, die nicht zum Vokabular einer Dame gehören sollten. Auch wenn ich die bösen Worte nicht gebrauchte, die nächsten Sätze waren von Wut geprägt. »Ich kann es nicht fassen. Wie schrecklich! Was sind das nur für Menschen, die zu so etwas fähig sind?« Holger von Dreesen schüttelte den Kopf und sein verständnisloser Blick zeigte mir, dass er in diesem Moment dasselbe fühlte, wie ich. »Keine Ahnung«, antwortete er, »aber ich bin mir sicher, dass derjenige zu gegebener Zeit seine Strafe erhält. Ich habe beim Ordnungsamt angerufen und gebeten, die toten Welpen wegzubringen. Ich wollte nicht, dass bis dahin jemand anderer sie sieht, darum habe die kleinen Körper so gut es ging mit Schnee abgedeckt und bin dann gleich zu Ihnen gekommen. Wie geht es jetzt weiter?« Melanie kam gerade mit einem kleinen Korb zurück in dem schon ein warmes Kissen lag. Während ich den Welpen darauf bettete, riet ich: »Am besten lassen Sie sie hier bei uns. Die Kleine braucht rund um die Uhr Betreuung. Sie komm jetzt unter eine Wärmelampe und ich kann ihr unterstützend ein Aufbaupräparat geben, aber das Wichtigste ist, dass sie selbstständig trinkt.« Sein dankbarer Blick rührte mich. »Darf ich Sie anrufen, um mich nach ihr zu erkundigen?« Ich nickte zögernd. Jetzt durfte ich mich nicht mehr verleugnen lassen und würde die Anrufe annehmen müssen.

Zwei Tage später hatte er mich überredet, mit ihm am Abend essen zu gehen. Melanie hatte an diesem Freitagabend nichts vor und versprochen, sich um den kleinen Welpen zu kümmern, dem es zwar dank der Aufbaupräparate ein klein wenig besser ging, der aber noch lange nicht über den Berg war. Dieser Abend mit Holger war wunderschön. Für eine kurze Zeit vergaß ich meine Sorgen um den Welpen und hörte, obwohl ich ein paar Details ja schon kannte, aufmerksam zu, wie er von sich erzählte. Am Tag als ich ihn auf dem Weihnachtsmarkt getroffen hatte, war er aus Amerika zurückgekommen. Er hatte dort studiert und war dann irgendwie hängen geblieben, erklärte er mir. Sein Vater sei sehr krank und er würde es als seine Pflicht ansehen, sich um das Familienunternehmen zu kümmern. Ich lauschte seinen Worten und kann nicht mehr genau sagen, wann an diesem Abend es passierte, aber plötzlich waren die alten Gefühle für Holger von Dreesen wieder da. Nicht dieses Kribbeln, welches ich seit Sonntag verspürte, wenn ich an ihn dachte, sondern eine Wärme, die meinen ganzen Körper durchströmte. Ich hatte mich zum zweiten Mal in diesen Mann verliebt.

»Nun komm schon Hope, trink doch endlich!« Merle hielt die kleine Flasche an die Schnauze des Welpen und kitzelte den Hund damit an der Nase. Der Anblick des Mädchens, das auf meiner Couch saß, mit Hope auf dem Schoß, war bezaubernd. Merle saß jetzt schon zwei Stunden auf demselben Platz und versuchte den Welpen zum Trinken zu bewegen. Sie hatte sich sehr gefreut, den Tag mit mir verbringen zu dürfen, und auf dem Weg von Stuttgart nach Schorndorf hatten wir Pläne geschmiedet, was wir alles zusammen unter-nehmen wollten. Dann kam der Anruf von Melanie. »Es tut mir wirklich leid, Leni, aber ich kann mich heute nicht um den Hund kümmern. Meine Freundin braucht dringend meine Hilfe.« Merle war nicht enttäuscht, dass aus unseren Plänen vorerst nichts werden würde. Im Gegenteil, ihre Augen strahlten, als Melanie den Hund gebracht hatte und seitdem saßen die beiden nun auf meiner Couch. »Darf ich sie Hope nennen?«, hatte mich Merle gefragt, als ich ihr erklärte, dass es sich bei dem Welpen um ein Mädchen handelte. Hope, was für ein passender Name angesichts des Gesundheitszustandes unserer Hundedame. Natürlich war ich sofort einverstanden.

»Leni, glaubst du, Hope wird irgendwann trinken?« »Ich hoffe es, Süße. Weißt du, Hope ist noch sehr klein und auch sehr krank. Wenn sie trinkt, dann bin ich mir sicher, dass sie es schafft.« Merle nickte ernst. »Wärst du denn böse, wenn wir nicht zum Weihnachtsmarkt gehen und hier bei Hope bleiben?« Ich lächelte, denn natürlich wollte auch ich den Welpen nicht alleine lassen. »Überhaupt nicht. Ich werde einfach Schwester Agnes fragen, ob du uns nächste Woche wieder besuchen darfst, dann können wir das mit dem Weihnachtsmarkt gerne nachholen.« Zum ersten Mal, seit ich Merle getroffen hatte, schien sie glücklich zu sein. Wieder hielt sie die Milchflasche an Hopes Nase, aber die Schnauze  des Welpen blieb geschlossen. »Kann ich nicht heute bei dir und Hope schlafen?«, fragte das Mädchen unvermittelt. »Vielleicht trinkt sie ja morgen.« »Du kannst es auch heute noch den ganzen Tag versuchen, aber wenn du gerne hier bleiben möchtest, dann rufe ich Schwester Agnes sofort an.« Merle nickte heftig. »Au ja, bitte, bitte.« In dem Moment hätte ich ihr nichts abschlagen können. Gerade als ich mein Telefonat mit Schwester Agnes beendet hatte, klingelte es an der Tür. Ich öffnete und sah zuerst nur einen großen Blumenstrauß, der mir entgegengestreckt wurde, dahinter stand Holger und ich bat ihn herein. »Tut mir leid, wenn ich dich überfalle«, sagte er, »aber ich wollte mal hören. wie es dem kleinen Hund geht. Außerdem wollte ich mich bei dir für den wunderschönen Abend gestern bedanken.« Ich nahm die Blumen und schenkte ihm ein Lächeln. »Es geht uns dreien den Umständen entsprechend gut.« Er musterte mich und überlegte wohl, wen ich mit dreien gemeint hatte. Ohne zu antworten, führte ich ihn ins Wohnzimmer. »Ja wen haben wir denn da? Hallo Merle, das ist aber schön, dich zu sehen.« Auch Merle schien sich zu freuen. Sie wollte schon aufspringen und zu ihm laufen, besann sich dann aber anders. Einen kurzen Moment hatte sie nicht an Hope auf ihrem Schoss gedacht. Holger ging zur Couch und setzte sich neben das kleine Mädchen. Er streichelte den Kopf des Hundes und fragte ernst: »Wie geht es dem Patienten denn?« Genauso ernst antwortete Merle: »Nicht so gut. Hope will einfach nicht trinken und Leni sagt, wenn sie nicht trinkt, dann wird sie sterben.« Tränen kullerten über Merles Wangen und Holger legte einen Arm um ihre Schultern. »Ich bin überzeugt, du schaffst es, dass Hope trinken wird. Übrigens ist das ein sehr schöner Name.« »Den hab ich ihr gegeben. Hope heißt nämlich Hoffnung«, erklärte die Kleine ihm. Er lächelte und beobachte, wie Merle geduldig das Fläschchen immer wieder über die Schnauze des Welpen strich. Lange stand ich in der Tür zum Wohnzimmer und sah die beiden nur an, dann ging ich in die Küche um eine Vase zu holen. Als ich zurückkam lag der Hund auf Holgers Schoß und Merle gab ihm gerade Anweisungen. »Du musst die Flasche immer hin und her bewegen. Ich bin gleich wieder zurück.« Sie stand auf und ich zeigte ihr den Weg zur Toilette. »Eigentlich wollte ich dich zum Mittagessen einladen«, sagte Holger, sah zu Hope, die auf seinen Beinen lag und fuhr fort: »Angesichts der Lage würde ich jedoch sagen, wir bestellen eine Pizza, oder habt ihr schon gegessen?« Ich schüttelte den Kopf. Es war komisch, aber es fühlte sich so richtig an, dass er hier war und sich um uns kümmerte. »Ich könnte auch eine Thüringer vom Weihnachtsmarkt holen.« »Au ja, Thüringer«, rief Merle, die die letzten Worte Holgers gehört hatte. »Bringst du mir eine doppelte Portion mit?«, bettelte sie. Holger lachte. »Aber gerne, wenn du die schaffst.« »Ich hab einen Bärenhunger«, versicherte ihm Merle.

Als ich mit dem Merle alleine war, fragte sie mich: »Ist Holger dein Mann oder dein Freund?« Ich schüttelte den Kopf. »Aber warum denn nicht? Er ist doch voll nett und hübsch finde ich ihn auch.« Ich konnte mir ein Lachen nicht verkneifen und Merle schaute mich verständnislos an. »Warum lachst du? Findest du ihn denn nicht nett und hübsch?« »Doch Süße, aber das ist ein lange Geschichte, die ich dir irgendwann erzählen werde.« Sie schien zufrieden und wechselte das Thema. »Was hat denn eigentlich Schwester Agnes gesagt? Darf ich bei dir schlafen?« Ich nickte. »Sie scheint mich zu mögen. Normalerweise dürfte sie es ohne die Zustimmung des Jugendamtes nicht zulassen, aber als ich ihr von Hope erzählt habe, war sie bereit, ein Auge zuzudrücken.« »Vielen Dank, Leni. Ich freue mich so, dass ich hierbleiben darf.« Sie strich mit der Milchflasche erneut über Hopes Schnauze und rief im nächsten Moment aufgeregt: »Hast du das gesehen? Hope hat die Zunge herausgestreckt.« Ich hatte es leider nicht gesehen. »Komm schon, Hope, mach das nochmal.« Merle drückte die Flasche ein wenig, so dass auf dem Nuckel ein Tropfen Milch erschien, den sie dem Welpen direkt an die Schnauze hielt und tatsächlich leckte Hope die Milch von ihrer Nase. Die Augen des Welpen öffneten sich einen kleinen Spalt. Zum ersten Mal in ihrem jungen Leben. Ich lag also mit dem geschätzten Alter gar nicht so schlecht. Merle wiederholte die Prozedur mit dem Tropfen und wieder leckte Hope die Milch ab. Sie öffnete die kleine Schnauze und Merle nutzte die Gunst der Sekunde und schob ihr den Nuckel in den Mund. Sie sah mich an und in ihrem Blick konnte ich Glück und Stolz erkennen. Gespannt wartete ich, ob der Welpe anfangen würde zu saugen und tatsächlich hatte wir kurze Zeit später unser kleines Wunder. Hope trank.

»Holger, Holger, stell dir vor, Hope hat getrunken. Beinahe die ganze Flasche!«, rief Merle aufgeregt. Holger stellte eine Papiertüte auf den Tisch und ging schnell zur Couch. »Und sie hat sogar die Augen offen. Sie sieht dich an!« Holger war genauso aufgeregt wie Merle und ich konnte mir ein Lachen nicht verkneifen. »Ich muss dich leider enttäuschen, noch sieht Hope nichts. Es wird ein paar Tage dauern, bis sie ihre Umgebung wahrnehmen kann, aber wenn du nächstes Wochenende wiederkommst, dann ganz bestimmt.« Merle drücke den kleinen Hund fest an sich und sah mich mit großen Augen an. »Dann wird sie nicht sterben? Ich darf wiederkommen? Können wir bald mit ihr Spazierengehen?« Ich hob lachend beide Arme. »Stopp! Nicht so viele Fragen auf einmal.« Merle schloss den Mund und wartete auf Antworten. »Jetzt, da Hope trinkt, denke ich, dass die Chancen gut stehen, dass sie überleben wird. Und, wenn es Schwester Agnes erlaubt, darfst du gerne nächstes Wochenende wiederkommen. Ich brauche doch jemanden, der sich um Hope kümmert. Mit dem Spazierengehen müssen wir aber etwas warten, dafür ist sie noch zu klein.« Merle kaute nachdenklich auf ihrer Unterlippe. »Vielleicht könnte ich ja die ganze Woche dableiben und mich um Hope zu kümmern.« Holger, der den Arm um Merle gelegt hatte, drehte die Kleine so, dass sie ihn ansehen musste. »Und was ist mit der Schule, junges Fräulein?« »Ich bin eine gute Schülerin. Frau Huber hat bestimmt nichts dagegen, wenn ich die Woche ausfallen lasse«, antwortete Merle überzeugt. Holger tippte ihr mit dem Zeigefinger auf die Nasenspitze. »Das kann ich mir nicht vorstellen. Es ist wichtig, dass du zur Schule gehst, damit du später vielleicht Tierärztin werden kannst.« »So wie Leni?« Holger nickte und Merles Augen strahlten. »Wenn du immer artig lernst, stehen die Chancen gut«, erklärte ich. »Und wegen Hope brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Melanie und ich werden dich in der Zeit bestimmt gut vertreten.« Merle schien zufrieden, schaute zuerst zu dem schlafenden Hund auf ihrem Schoß, dann zu der Papiertüte auf dem Wohnzimmertisch. »Gibt es jetzt Thüringer?« Ich setzte mich zu den Beiden und Holger packte aus. Zuerst legte er einen Schal mit passender Mütze vor Merle, dann gab er mir dasselbe in einer etwas größeren Ausführung. »Für die zwei schönsten Frauen, die ich kenne«, sagte er und nahm unsere Dankesküsse etwas verschämt entgegen. Es folgte ein pinkfarbenes Halstuch, das er Merle gab und erklärte: »Das ist für Hope. Wir möchten doch nicht, dass sie krank wird, wenn sie zum ersten Mal mit uns spazieren geht.« Merle legte ihre kleinen Arme um Holgers Hals, gab ihm einen weiteren Kuss auf die Wange und machte sich dann daran, das Tuch um den Hals der schlafenden Hope zu binden. »Ist sie nicht wunderschön?«, fragte Merle, als sie damit fertig war. »Der schönste Hund der Welt!« bestätigte Holger und reichte Merle ihr Brötchen mit den schon etwas kalt gewordenen Würsten.

Das Wochenende verging wie im Flug. Wir verbrachten es wie eine kleine Familie und es fühlte sich richtig und selbstverständlich an. Holger war ein Gentleman und las Merle und mir jeden Wunsch von den Augen ab. Sonntags hatten wir sogar noch Gelegenheit auf den Weihnachtmarkt zu gehen, nachdem Melanie den Welpen abgeholt hatte. Es war zum Schießen komisch, wie die kleine Merle meiner Mitarbeiterin ernst erklärte, was sie in den nächsten Tagen zu tun hätte. »Und vergiss nicht, ihr den Bauch zu kraulen. Das hat sie sehr gerne!«, rief sie Melanie hinterher, die schon auf dem Weg nach unten in die Praxis war, um einen Hundekorb und etwas Essen zu holen. »Ich habe alle deine Anweisungen verstanden, Merle und werde bestimmt nichts davon vergessen, das verspreche ich dir!«, antwortete Melanie lachend.

»Das war ein wunderschönes Wochenende«, bedankte ich mich bei Holger, als er vor meiner Haustür hielt. Wir hatten Merle gemeinsam nach Stuttgart gebracht und es war ein tränenreicher Abschied gewesen. Merle hatte sich erst beruhigt nachdem Schwester Agnes, ebenfalls mit feuchten Augen, versprochen hatte, dass ich sie schon am Freitag direkt nach der Schule abholen darf. »Ich finde auch, dass es ein wunderschönes Wochenende war«, bestätigte Holger und legte eine Hand auf meine, »aber es muss noch nicht vorbei sein, wenn du möchtest. Wir könnten doch noch ein Glas Wein trinken.« Meine Kehle schnürte sich zusammen, bei dem Gedanken, mit ihm auf der Couch vor dem prasselnden Kamin zu sitzen. Meine Gefühle fuhren Achterbahn und ich brachte kein Wort heraus. »Wir können es aber auch auf nächste Woche verschieben, wenn dir das lieber ist«, sagte Holger, um die peinliche Stille zu beenden. »Nein!«, antwortete ich etwas krächzend. »Ich würde mich freuen, wenn du mit hochkommst.«

Das Feuer prasselte schon, als ich ins Wohnzimmer zurückkam. Ich hatte mir etwas Bequemeres angezogen, die Haare in Ordnung gebracht und einen Hauch Lipgloss aufgelegt. Eine angenehme Wärme umfing mich und ich wusste nicht, ob daran das Kaminfeuer, oder aber meine Gefühle den größeren Anteil hatten. Ich beobachtete, wie er die Flasche Wein öffnete, die ich aus der Küche mitgebracht hatte und den dunklen Rotwein einschenkte. Mein Herz pochte wie wild, als er mir ein Glas reichte und mir dabei tief in die Augen sah. »Prost Leni! Auf all das, was war und was noch kommen wird.« Ich wusste nicht, was er damit meinte, aber in dem Moment hätte er alles zu mir sagen können, ohne dass ich es in irgendeiner Form registriert hätte. Ich nahm einen Schluck von dem köstlichen Wein und erwiderte seinen Blick, der so viel Wärme ausstrahlte, dass ich schwach wurde. Ich ließ mir das Glas aus der Hand nehmen und kurze Zeit später lagen seine Lippen auf meinen. Ich wehrte mich nicht dagegen, obwohl ich noch vor ein paar Tagen solch einen Kuss nie in Betracht gezogen hätte. Ich ließ mich einfach fallen und war unendlich glücklich. Dieser erste Kuss war wie ein Rausch und ich hoffte, dass er nie enden würde. Als wir nach einer gefühlten Ewigkeit von einander ließen, war ich wie benommen und mir war etwas schwindelig. Er streichelte liebevoll über meine Wange und sah mich sehr lange ernst an. »Endlich!«, hauchte er mir zärtlich ins Ohr. »Darauf habe ich schon so lange gewartet.« Ich begann schallend zu lachen. »Mindestens eine Woche«, sagte ich glucksend, »denn länger ist es nicht her, dass wir uns kennengelernt haben.« Sein Blick veränderte sich und er sah mich ernst an. Sofort hörte ich auf zu lachen und fragte: »Was ist denn los?« Statt einer Antwort zog er ein Stück Papier aus seiner Hosentasche, faltete es auf und legte es vor mich auf den Tisch. Ich erkannte es sofort. Das zartrosa Papier mit den kleinen Herzen weckte Erinnerungen, die ich immer wieder versucht hatte, zu verdrängen. Es war der einzige Brief, den ich damals abgeschickt hatte. Ich spürte wie mein Blut in Wallung kam und mein heißes Gesicht drohte gleich zu platzen. »Alles in Ordnung mit dir?«, erkundigte er sich besorgt, nahm meine Hand und küsste zärtlich die Innenfläche. Ich zog die Hand sofort zurück und schüttelte heftig den Kopf. »Seit wann weißt du es?« »Dass du Leonore Bartsch bist? Ich wusste es in dem Moment, als ich dich gesehen habe.« »Aber … wieso …« Ich brachte keinen vollständigen Satz über die Lippen. »Du möchtest wissen, warum ich dein kleines Versteckspiel mitgemacht habe?« Ich nickte und er begann grinsend zu erzählen. »Zuerst war ich mir nicht sicher, ob du mich erkannt hast. Als wir dann mit Bea am Tisch standen habe ich deinen Blick bemerkt und ich war mir sicher, dass du ganz genau wusstest, wen du vor dir hast. Dein geänderter Nachname ließ mich vermuten, dass du verheiratet bist, aber das war für mich kein plausibler Grund. Mir war schleierhaft, warum du mich nicht kennen wolltest, also habe ich einfach mitgespielt. Ich wollte erfahren, was dahintersteckt, weiß es aber bis jetzt noch nicht.« Wieder nahm er meine Hand und küsste sie. Dieses Mal ließ ich ihn gewähren. Seine Zuneigung gab mir Kraft und die brauchte ich auch für das kommende Geständnis. Er hatte die Mauer, die ich um mich herum aufgebaut hatte, bereits zum Bröckeln gebracht. Ich konnte und wollte nicht mehr gegen meine Gefühle ankämpfen. »Ich war damals sehr verliebt in dich, aber ich war hässlich. Ich wollte nicht, dass du in mir das pickelige kleine Monster aus der Schule siehst.« Verständnislos schüttelte er den Kopf. »Das ist alles?« »Ich finde das ist ein sehr guter Grund.« Noch einmal küsste er meine Handinnenfläche und sah mir dann tief in die Augen. »Du warst für mich das schönste und auch intelligenteste Mädchen der Schule. Du warst vierzehn und ich achtzehn, aber das hätte mir nichts ausgemacht, denn du warst ziemlich taff.« »Ich war nicht taff. Ich war schüchtern!« »Vielleicht mir gegenüber, aber ich habe dich immer bewundert. Du warst für mich die große Kleine, die oft ihre Ellbogen benutzt hat, um Andere zu schützen. Du hattest meinen allergrößten Respekt.« So hatte ich mich selbst nie gesehen, aber ich musste Holger ein Stück weit Recht geben. Schon damals habe ich mich immer für die Schwächeren eingesetzt, nur war das für mich nichts Besonderes, sondern einfach normal. »Der Schüchterne bin ich«, fuhr er fort, »denn eigentlich wollte ich dich immer ansprechen, aber dazu fehlte mir der Mut. Als mein Vater mich dann zum Studieren in die Staaten schickte, wollte ich wegen dir zuerst nicht gehen, aber ich war auf meine Eltern angewiesen. Dein Brief«, er streichelte über das rosa Papier, »kam am Tag meiner Abreise. Ich konnte nicht mehr zurück, trotz deiner lieben Worte und deinem Geständnis, aber ich war fest entschlossen, dir zurückzuschreiben. Leider kam es nie dazu. Ein anderes Land, eine neue Schule, neue Freunde, unzählige neue Eindrücke, all das ist auf mich hereingeprasselt wie ein Sommergewitter. Ganz ehrlich habe ich deinen Brief damals dann einfach vergessen. Jahre später, als ich meine Studentenbude räumte, habe ich ihn dann in einem meiner Lieblingsbücher wiedergefunden und in den folgenden Jahren immer wieder einmal gelesen. Ich war mir sicher, dass uns das Schicksal irgendwann wieder zusammenbringen würde.« Er lächelte mich an und ich war so durch den Wind, dass ich nur verkrampft zurücklächeln konnte. Ich griff nach meinem Weinglas und nahm einen großen Schluck. »Dann kam die Nachricht meines Vaters, dass er mich brauchen würde. Ich musste nicht lange überlegen, auch wenn es nicht ganz einfach war, das Leben in Florida, das ich mir aufgebaut hatte, hinter mir zu lassen. Ich hatte ein Ziel, nämlich dich wiederzusehen. Ich hatte so gehofft, dass du noch hier sein würdest und war überglücklich, als ich dich direkt am ersten Tag getroffen habe. Ich hatte mir vorgenommen, nach dir zu suchen und mir gewünscht, dass du nicht verheiratet bist. Nach unserem ersten Treffen habe ich von einem Schulfreund erfahren, dass du eine Scheidung hinter dir hast. Ich konnte mein Glück kaum fassen und war fest entschlossen, dich wiederzusehen, aber du hast alle meine Anrufe abgeblockt. Dann hat mir das Schicksal diesen kleinen Welpen in die Hände gegeben und den Rest der Geschichte kennst du ja.« Er strahlte mich an und nahm dann ebenfalls einen ziemlich großen Schluck Wein. »Das ist meine Geschichte Leni Bartsch. Möchtest du mir jetzt deine erzählen?« Ich schüttelte den Kopf. »Da gibt es nichts, über das ich heute reden möchte. Vielleicht irgendwann einmal«, sagte ich heiser. In diesem Moment war alles unwichtig. Ich wollte ihm nur so nah wie möglich sein und kuschelte mich an ihn. Er zog mich noch enger an sich und bedeckte mein Gesicht mit zärtlichen Küssen. Sie verstehen sicher, dass ich über die Nacht, die folgte, hier nicht schreiben möchte, aber ich kann Ihnen sagen, dass sie unvergesslich für mich bleiben wird. Ich habe den Himmel auf Erden erlebt.

Die folgende Woche verging wie im Flug, denn ich hatte ziemlich viel um die Ohren. Die Abende mit Holger waren gefüllt mit nicht enden wollenden Gesprächen. Es fühlte sich an, als wären wir schon ewig zusammen. Es war der Donnerstag, an dem wir auf Merle zu sprechen kamen. Hope lag neben Holger auf der Couch. Sie hatte sich in den letzten paar Tagen prächtig entwickelt und schon beinahe das normale Gewicht erreicht. Sie hob ein Augenlid, als ich mich über Holger lehnte, um sie zwischen den Augen zu kraulen, und sah mich an. »Morgen kommt Merle«, sagte ich zu dem kleinen Hund. »Sie wird sehr glücklich sein, dass du über den Berg bist und ihr bald zusammen Spazierengehen könnt.« Hope hob nun auch das andere Augenlid und musterte mich mit ihren kleinen, dunklen Knopfaugen interessiert. Ein Beweis für mich, dass sich jetzt ihre vollständige Sehkraft entwickelt hatte. »Ich glaube, ihr Zwei werdet richtig gute Freunde werden.« Hope spitzte die Ohren und als ob sie meine Worte verstanden hätte, antwortete sie mit einem leisen »Wuff«, dann kuschelte sie sich an Holgers Bein und schlief ein. »Ich wünschte, wir könnten Merle für immer zu uns holen«, sagte Holger, ohne mich dabei anzusehen. Ich war sprachlos. Wir waren noch keine Woche zusammen und er dachte bereits an Familienzuwachs. Natürlich wünschte ich mir auch, das Mädchen könnte hier aufwachsen, aber dafür war es noch deutlich zu früh. Für ihn scheinbar nicht, denn er sah unser Zusammentreffen als einen Wink des Schicksals. »Irgendjemand hat gewollt, dass es so kommt«, hatte er mir einen Tag zuvor erklärt, als ich ihm zu verstehen gab, dass das mit uns vielleicht doch ein wenig zu schnell ging. »Wir müssen akzeptieren, wie es ist.«

Ich stand auf, um mir einen Tee zu kochen und kurz alleine zu sein. Natürlich fand ich den Gedanken, mit ihm und Merle zusammenzuleben, sehr verlockend, aber es mischten sich auch Zweifel in meine Überlegungen. Zweifel, die das Jugendamt mit mir teilen würde. Als ich ins Wohnzimmer zurückkam, sagte ich: »Du weißt, dass ich dich liebe und auch, dass wir beide etwas ganz Besonderes miteinander haben, aber das weiß das Jugendamt nicht. Sie werden uns Merle bestimmt nicht in Pflege geben.« »Aber warum denn nicht?«, fragte er ein wenig trotzig. »Du hast mir doch erzählt, dass ihre Eltern gestorben sind. Wer soll schon etwas dagegen haben? Das Jugendamt müsste doch froh sein, wenn sie hier unterkommt.« Ich wünschte mir, dass es so wäre, wollte aber an diesem Abend nicht mehr darüber nachdenken, also schlug ich ihm vor: »Was hältst du davon, wenn du morgen mit ins Kinderheim kommst und ich dir Schwester Agnes vorstelle?« »Eine schöne Idee, nachdem ich beim letzten Mal im Auto bleiben musste.« Er grinste. »Du weißt genau, wie blöd das ausgesehen hätte, wenn ich plötzlich mit einem Mann dagestanden wäre, nachdem ich Schwester Agnes erzählt hatte, dass ich glücklicher Single bin.« Er zog mich an sich. »Nicht gleich böse werden, mein Engel, aber das mit dem Singledasein hat sich ja jetzt erledigt.« Ich grinste zurück. »Und genau aus diesem Grund werde ich dich morgen vorstellen.«

»Von Dreesen?« wiederholte Schwester Agnes meine Worte und starrte Holger irritiert an. »Ja genau, Holger von Dreesen.« Ich legte einen Arm um seine Hüften. »Das kann nicht sein. Ich muss mich setzen.« Schwester Agnes ging schwankend auf einen der Stühle zu, die im Besucherzimmer um einen großen Tisch standen. Holger und ich blieben stehen und beobachteten, wie sie immer wieder den Kopf schüttelte und sagte: »Das kann nicht sein.« »Aber was ist denn los, Schwester Agnes? Was kann nicht sein?« Sie bat uns, Platz zu nehmen und erklärte dann: »Merles Großeltern mütterlicherseits heißen genauso.« Holger setzte sich kerzengerade hin. »Sie meinen, Merle könnte mit mir verwandt sein?« Schwester Agnes nickte. »Das wäre zwar ein sehr großer Zufall, aber auszuschließen ist es nicht. Kennen Sie denn eine Sybille Maler?« Holger schüttelte enttäuscht den Kopf. »Nein, tut mir leid.« »Und was ist mit Sybille von Dreesen? So hieß sie nämlich vor ihrer Hochzeit.« Ich spürte, wie Holger meine Hand fest drückte und sah ihn an. Er nickte mit einem wehmütigen Lächeln. »Das ist meine Cousine Bille, aber ich habe sie schon jahrelang nicht mehr gesehen. Seit dem Streit zwischen meinem Vater und seinem Bruder gibt es keinerlei Kontakte mehr zu diesem Zweig in unserem Stammbaum. Ist Merle denn Billes Kind?« Als Schwester Agnes nickte, wurde ihm die Tragweite dessen, was er gehört hatte, schnell bewusst. »Das heißt Bille lebt nicht mehr?« Wieder nickte Schwester Agnes. »Tut mir sehr leid.« Holger drückte erneut meine Hand und ich spürte, wie er um Fassung rang. »Ich habe Bille sehr gemocht. Sie hatte glücklicherweise mit ihrem Vater nichts gemeinsam.« Er sah so herzzerreißend traurig aus. Meine Augen füllten sich mit Tränen. »Als Leni mir erzählte, dass Merles Mutter von ihren Eltern verstoßen wurde, konnte ich es nicht glauben. Jetzt wo ich weiß, dass es Onkel Eberhard und Tante Gudrun waren, allerdings schon. Eberhard ist ein widerwärtiger Narzisst, der über Leichen rennt, wenn es um seinen Profit und sein Ansehen geht. Deshalb gab es auch den Streit mit einem Vater. Ich war damals in Florida und habe nicht viel mitbekommen. Auch nicht, dass Bille geheiratet und ein Kind bekommen hat.« Holger sah Schwester Agnes lange nachdenklich an. »Dann ist Merle meine Nichte?«, fragte er endlich. Ich vermutete, dass er lange überlegt hatte in welchem Verwandtschaftsverhältnis er zu ihr steht. »Wenn ich richtig informiert bin, dann ist sie Ihre Nichte zweiten Grades.« Holger begann auf seinem Stuhl hin und her zu rutschen. »Könnte uns das beim Jungendamt helfen, wenn wir Merle in Pflege nehmen wollen?«, fragte er hoffnungsvoll. »Davon bin ich überzeugt«, antwortete Schwester Agnes. »Ich werde mich gleich am Montag mit der zuständigen Sachbearbeiterin in Verbindung setzen und sehen, was ich tun kann. Es wäre so schön, wenn Merle endlich ein zu Hause hätte«, sagte sie glücklich. »Bitte sprechen Sie aber noch nicht mit ihr darüber. Erzählen Sie ihr nicht, dass Sie ihr Onkel sind. Ich möchte nicht, dass Merle sich falsche Hoffnungen macht und am Ende vielleicht enttäuscht wird. Sie können ihr alles erzählen, wenn die Sachlage klar ist.«

Natürlich hielten wir uns an das Versprechen und verbrachten mit der Kleinen ein wunderschönes Wochenende. Sie strahlte vor Glück, als ich ihr erlaubte, Hope für eine Stunde mit nach draußen zu nehmen. Der kleine Welpe lag eingebettet in kuschelig warme Decken in einem Korb, den Holger trug und schaute neugierig über den Rand. Gerade als wir den Weihnachtsmarkt erreicht hatten, begann es leicht zu schneien und eine Flocke landete auf Hopes feuchter Nase. Sie leckte sofort mit der Zunge darüber und Merle lachte entzückt. »Schaut nur«, sagte sie aufgeregt. »Hope scheint den Schnee zu mögen.« Wir gingen langsam an den Buden vorbei und Merle erklärte dem kleinen Hund, was dort zu kaufen gab. An einem Stand für Christbaumschmuck blieb sie stehen und zeigte aufgeregt auf einen weißen glitzernden Stern. »Schau mal Hope, genauso hat die Spitze des Weihnachtsbaumes ausgesehen, den Papa im letzten Jahr geschmückt hat.« Sie ließ ihre Hand sinken und schaute betreten zu Boden. »Es wäre so schön, wenn Mama und Papa jetzt auch hier sein könnten.« Holger und ich schauten uns an. Wir wussten beide nicht, wie wir mit dem Schmerz der Kleinen umgehen sollten. »Lass uns nach Olga sehen«, schlug ich vor und nahm Merles Hand. »Was meinst du?« Sie nickte stumm und ließ sich mitziehen. Kaum am Stall angekommen, trat der Besitzer der Tiere zu uns. »Na, wenn das nicht das mutige kleine Mädchen von vorletzter Woche ist. Hallo, wie geht es dir?« »Gut«, antwortete Merle höflich und nahm die ihr entgegengestreckte Hand. Er begrüßte Holger und mich, wandte sich dann aber sofort wieder an Merle. »Möchtest du Olga „Hallo“ sagen?«, fragte er und hatte sie schon über den Zaun gehoben. Merle sah mich fragend an und als ich nickte lief sie zum Stall. Olga lag im Stroh und hob den Kopf, als Merle begann, sie zu streicheln. Langsam verschwanden die Schatten in ihrem Gesicht und als das Mutterschaft Merle mit der Schnauze anstieß begann sie zu lachen. Sie kam zu mir gerannt und fragte: »Hast du das gesehen Leni?« Ich nickte und lachte mit ihr um die Wette. Holger drückte mir den Korb mit Hope in die Hand und hob Merle über den Zaun. »Wie wäre es jetzt mit einer heißen Schokolade?«

»Holger! Endlich habe ich dich gefunden!« Ich hielt noch immer Hopes Korb im Arm und drehte mich langsam zu der aufgetakelten Brünetten um, die gerade dabei war, Holger zu küssen. Sie beachtete weder mich, noch Merle, die direkt neben Holger stand und die Frau in dem langen schicken Mantel aufmerksam musterte. Merle sah fragend zu mir und ich konnte nur mit den Schultern zucken. »Jane, aber was tust du denn hier?«, stammelte Holger, nachdem er sich mit dem Handrücken Janes roten Lippenstift abgewischt hatte. Merle kam zu mir und ich legte einen Arm um sie. Gemeinsam beobachteten wir interessiert die Szene, die sich uns bot. »Aber entschuldige Mal«, beantwortete die fremde Frau Holgers Frage. »Ich werde doch sehen dürfen, was mein Mann in Deutschland so treibt.« Ich musste neidlos feststellen, dass ihr Deutsch zwar gebrochen, aber wesentlich besser als mein Englisch war. Holger sah mich entschuldigend an, als sie sich bei ihm unterhakte. »Und jetzt zeig mir deine Heimat, Darling!« Sie wollte ihn mit sich ziehen, aber er blieb stehen. Holgers entschuldigender Blick wechselte zu einem Flehen, aber er sagte kein Wort. »Nun komm schon«, sagte Jane befehlend. »Ich bin nicht tausende von Meilen geflogen, um mir ein paar blöde Schafe anzusehen.« Wieder zog sie an Holgers Arm und er trat ein Schritt nach vorne. Das war zu viel für mich. Warum sagte er denn nichts? Energisch nahm ich Merles Hand, würdigte Holger keines Blickes mehr und ging. Ich hörte ihn noch meinen Namen rufen, drehte mich aber nicht mehr um. So schnell wir konnten, rannten Merle und ich nach Hause.

»Nicht traurig sein, Leni«, tröstete mich Merle. Ich hatte die Tränen noch bis zur Wohnungstür zurückhalten können, aber kaum, dass ich auf der Couch saß, war es mit meiner Beherrschung vorbei und ich begann hemmungslos zu weinen. Merle streichelte unaufhörlich meinen Rücken und wartete geduldig, bis ich mich etwas beruhigt hatte. Hopes Kopf lag auf dem Rand des Korbs und sie beäugte mich misstrauisch, während Merle mir ein Taschentuch reichte. »Ist es jetzt besser?«, fragte das kleine Mädchen und ich nickte. »Du musst wirklich nicht traurig sein, Leni. Holger hat uns alle drei lieb, das weiß ich.« Ich konnte wieder nur nicken und musste mich ziemlich zusammenreißen. Merle sollte nicht sehen, wie weh mir das Zusammentreffen mit Holgers Frau getan hat. Ich sah zur Uhr und war froh, dass es Zeit war, Merle zurück ins Heim zu bringen. Sie wehrte sich natürlich mit Händen und Füßen, da sie mich auf keinen Fall alleine lassen wollte. »Aber ich hab doch Hope!«, beruhigte ich Merle. »Und weißt du was, wir nehmen sie einfach mit nach Stuttgart, dann kannst du sie Schwester Agnes vorstellen.« Ich wollte den kleinen Hund nicht alleine lassen und hatte mich deshalb für die einfachste Lösung entschieden. Merle war begeistert und ihre Sorge um mich schien wie weggeblasen. Stolz führte sie die kleine Hope allen Schwestern und Kindern des Heimes vor und es dauerte lange, bis ich, mit einem total müden Welpen, die Heimfahrt antreten konnte. »Und ich darf bestimmt nächste Woche wiederkommen?«, fragte Merle, nachdem ich mich verabschiedet hatte. »Auf jeden Fall!« antwortete ich, obwohl ich mir nicht sicher war, was die nächste Woche bringen würde.

»Jetzt glaub mir doch! Wir waren nicht verheiratet und ich habe mich schon vor Wochen von Jane getrennt.« Ich saß auf meiner Couch und Holger in einem Sessel mir gegenüber. Als ich von Stuttgart nach Hause kam, hatte er bereits vor der Tür gewartet. Er musste schon einige Zeit dort gestanden haben, denn seine Nase war rot und er zitterte. Ich konnte ihn nicht wegschicken, so durchgefroren wie er aussah. »Danach hat es aber ganz und gar nicht ausgesehen, Darling!«, gab ich schnippisch zurück. »Jane wollte die Trennung nicht akzeptieren und tauchte immer wieder dort auf, wo ich gerade war. Sie hat es sogar einmal geschafft ins Herrenzimmer unseres Golfclubs zu kommen. Sie gibt einfach keine Ruhe.« »Sie scheint dich eben sehr zu lieben.« Holger lachte schallend. »Mich lieben? Da täuschst du dich aber gewaltig. Wenn sie etwas liebt, dann nur mein Geld. Außer sich selbst liebt Jane überhaupt niemanden.« Irgendwie tat er mir leid, aber ich wollte nicht so einfach klein bei geben. »Warum hast du dann auf dem Weihnachtsmarkt nichts zu ihr gesagt? Sie weggeschickt oder einfach stehen lassen?« Er zog den Kopf zwischen die Schultern, als hätte ich ihn geschlagen. »Du hast ja Recht, das hätte ich tun sollen, aber Jane hat mich total überrumpelt. Ich war fassungslos, dass sie mich bis nach Deutschland verfolgt hat.« Er schüttelte den Kopf. »Ich frage mich immer wieder, was es war, das ich an ihr gefunden habe.« Ich musste schmunzeln. »Vielleicht Doppel-D?«, fragte ich mit einer Anspielung auf Janes große Oberweite. Sie hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht, ihre riesigen Brüste mit einem Schaal zu bedecken, sondern sogar extra die obersten Knöpfe ihres Mantels offen gelassen. »Ich achte nicht auf Äußerlichkeiten«, versicherte mir Holger und mir wurde bewusst, dass ich ihm Unrecht tat. Immerhin hatte er ja auch Gefühle für das pickelige, pummelige Mädchen mit der Hornbrille. Ich klopfte mit einer Hand auf den Platz neben mir und er sprang sofort auf, zog mich von der Couch hoch und küsste mich leidenschaftlich. »Glaub mir«, versicherte er zwischen zwei nicht enden wollenden Küssen, »du bist die einzige Frau, mit der ich zusammen sein möchte. Außer Merle natürlich.«

Mein Versprechen, Merle auch am vierten Adventswochenende abzuholen, konnte ich leider nicht einhalten. Es gab viel zu tun und die Zeit schien uns davonzulaufen. Schwester Agnes erzählte mir am Telefon, dass Merle bitterlich geweint hatte und zwei Tage überhaupt nicht ansprechbar gewesen war. Selbst die Zusage, dass sie die kompletten Weihnachtsferien in Schorndorf verbringen darf, hatte das Kind nicht wirklich beruhigen können. »Ich will aber zu Hope!«, hatte sie immer wieder gejammert und Schwester Agnes hatte sogar Angst gehabt, Merle würde wieder weglaufen. Irgendwann gab sie dann wohl Ruhe und zählte die Tage bis zum Heiligabend.

»Sie ist schon seit vier Uhr wach und den ganzen Morgen immer wieder zum Fenster gelaufen. Ständig hat sie gefragt, wann es denn endlich zwei Uhr wäre.« Schwester Agnes lächelte. »Irgendwann ist sie dann auf dem Besuchersofa eingeschlafen und dort liegt sie immer noch.« Vor der Tür zum Besucherzimmer setzte ich Hope auf den Boden. Sie trug ein hübsches Geschirr aus braunem Leder, das wunderschön zu ihrem hellbraunen Fell passte. Mit ihrem pinkfarbenen Halstuch sah sie so herzig aus, dass man sie am liebsten den ganzen Tag geknuddelt hätte. Ich öffnete leise die Tür und sah ins Zimmer. In eine Decke gewickelt lag Merle da und schlief. Sie rührte sich nicht, als wir ins Zimmer traten und Holger die Tür schloss. Hope hatte das Mädchen bereits entdeckt. So schnell es die kurzen Beinchen zuließen, lief der Welpe auf das Sofa zu und setzte sich davor auf den Boden. Es war nur ein leises Bellen, das Hope von sich gab, aber Merle regte sich sofort. Sie öffnete die Augen, sah zu Holger und mir, dann zu Boden. »Hope! meine liebe Hope!«, rief Merle entzückt und kurze Zeit später drückte sie den kleinen Hund an ihre Brust. Hope ließ es geschehen, legte ihre Pfoten auf Merles Schulter und leckte ihr übers Gesicht. »Pfui, Hope, das macht man doch nicht«, sagte Merle lachend, wehrte sich aber nicht gegen die Zärtlichkeiten. »Frohe Weihnachten, Süße!« Erst jetzt nahm Merle uns wieder wahr. Sie setzte den Hund auf den Boden und kam zu uns gelaufen. »Es ist so schön, dass ihr da seid. Ich dachte schon, ihr hättet mich vergessen.« Nacheinander nahmen wir sie in den Arm. Sie erdrückte mich beinahe und schien mich nicht wieder loslassen zu wollen. Lachend hob ich das Mädchen hoch. »Bereit für dein Weihnachtsgeschenk?« Merle nickte glücklich, warf Schwester Agnes eine Kusshand zu und erinnerte Holger: »Du darfst aber Hope nicht vergessen!« »Wie könnte ich«, antwortete er mit einem verschmitzten Grinsen, »dann wäre doch unser Kleeblatt nicht komplett.«

»Wie lange dauert das denn noch?«, drängelte Merle ungeduldig. Wir standen im Flur der Praxis. Holger war mit Hope und Merles Koffer nach oben gegangen und hatte uns gebeten zu warten, bis er uns rufen würde. Ich lächelte. »Geduld mein Schatz. Es sind noch keine drei Minuten vergangen. Er wird sicher gleich fertig sein.« Ich hatte kaum ausgesprochen, da hörten wir ein leises Klingeln und mit verstellter Stimme rief Holger: »Kommt herauf Ladies, Zeit für die Bescherung!« Merle lief so schnell sie konnte die Treppe nach oben und ich hatte Mühe ihr zu folgen. Sie rannte ins Wohnzimmer und blieb mit offenem Mund vor dem wunderschön geschmückten Weihnachtsbaum stehen, auf dessen Spitze eine weißer Stern funkelte. Tränen liefen über ihre geröteten Wangen. Ich wollte schon zu ihr gehen, um sie zu trösten, aber schnell bemerkte ich, dass es Freudentränen waren. »Der ist himmlisch schön!«, lobte Merle und sah uns glücklich an. »Außerdem trägt er unseren Stern. Vielen, vielen Dank!« Ihr Blick wanderte zu den beiden kleinen Geschenken, die unter dem Baum lagen. »Sind die beide für mich?«, fragte sie hoffnungsvoll. Holger schüttelte bedauernd den Kopf. »Eins davon gehört Leni, aber wir haben trotzdem zwei Geschenke für dich. Nur ist das eine viel zu groß, um es einzupacken.« Merle hüpfte von einem Bein auf das andere, während Hope bellend um sie herumlief. »Wo ist es? Wo ist es?«, fragte sie immer wieder aufgeregt. »Da musst du mitkommen.« Sofort stand sie zwischen uns, nahm Holger und mich an der Hand und ließ sich von uns führen. »Das Geschenk ist in Lenis Büro?«, fragte das Mädchen, als wir vor der Tür stehen blieben. »Schau nach«, sagte ich und war genauso aufgeregt wie Merle. Sie schaute zu uns hoch und drückte dann die Klinke nach unten. Auf dem Schreibtisch stand ein winziger Weihnachtsbaum, dessen kleine Lichter es nicht schafften, den Raum zu erhellen. Ich drückte mit vor Aufregung zitternden Fingern auf den Lichtschalter und flüsterte Holger ins Ohr: »Ich hoffe so, dass es ihr gefällt.«

»Aber das ist gar nicht Lenis Büro«, stellte Merle fest und sah sich in dem neu eingerichteten Zimmer um. Unter dem Fenster stand ein kleiner Schreibtisch und die gegenüberliegende Wand bot gerade genug Platz für das große Himmelbett, auf das ich bestanden hatte. Die restliche Einrichtung des Kinderzimmers hatten Holger und ich gemeinsam ausgesucht. Merle drehte sich mehrmals im Kreis, blieb dann stehen und fragte fassungslos: »Ist das meins?« Holger nickte und ich war so gerührt, dass ich zu keiner Regung fähig war. Es dauerte eine halbe Stunde bis Merle das ganze Zimmer inspiziert hatte. Immer wieder stellte sie ungläubig dieselbe Frage: »Und das gehört auch mir?« Es war unbeschreiblich schön, zuzusehen, wie dieses Kind sich freute. »Und jetzt lasst uns ins Wohnzimmer gehen, da liegen zwei weitere Geschenke. Außerdem gibt es noch etwas für dich, das sich leider auch nicht einpacken lässt.« Ich ging in die Küche und kochte heiße Schokolade, während ich es Holger überließ, Merle zu erklären, dass er ihr Onkel ist. Als ich ins Wohnzimmer kam saßen die beiden Händchen haltend auf der Couch und zwischen ihnen saß Hope. »Hast du gewusst, dass Holger mein Onkel ist?«, fragte Merle und ihre Augen strahlten mit den Kerzen am Weihnachtsbaum um die Wette. »Bis vor kurzem nicht, mein Schatz!«, erklärte ich und stellte die Becher mit der heißen Schokolade auf den Tisch. »Mein Zimmer ist wirklich ein ganz tolles Geschenk, aber dass Holger mein Onkel ist, das ist noch viel schöner.« »Magst du jetzt noch das auspacken, was unter dem Baum liegt?«, fragte ich und setzte mich zu Holger auf die Couch, während Merle sich abmühte die goldene Schleife aufzubekommen. »Ich glaube, es ist besser, ihr erst morgen zu sagen, dass sie bei uns bleiben darf«, flüsterte ich Holger ins Ohr. »Für heute hatte sie genug Aufregung.« Er gab mir einen zärtlichen Kuss auf die Wange und erwiderte: »Das ist ganz in meinem Sinne, mein Engel.« »Ein Leine!«, hörte ich Merle rufen. »Schau mal Hope, das ist eine Leine. Es ist gar nicht mein Geschenk, sondern deins«, wandte sie sich an den Hund, der gerade dabei war, das Geschenkpapier zu zerlegen. »Doch, es ist dein Geschenk«, sagte Holger ernst. »Jeder Hundebesitzer braucht auch eine Leine!« Merle sah zu Hope, dann zu mir und am Ende blieb ihr Blick bei Holger hängen. »Im Ernst? Hope gehört mir?« »Wenn du möchtest«, bestätigte Holger, »und, wenn du mir versprichst, dass du dich gut um sie kümmerst.« Merle hob drei Finger in die Luft und sagte ernst: »Ich schwöre!«, dann schnappte sie sich Hope und zog sie auf ihren Schoß. Sie grub ihr Gesicht in das weiche Fell des Welpen und flüsterte. »Du gehörst jetzt mir. Ich hab dich lieb!« Dann hob sie den Kopf und meinte: »Euch hab ich auch lieb. Das ist das schönste Weihnachten der Welt!« »Sie hat Recht«, sagte ich zu Holger. Er nickte zustimmend und hielt mir das andere Geschenk, das vorhin noch unter dem Baum gelegen hatte, vor die Nase. »Frohe Weihnachten, mein Engel!«, sagte er und in dem Moment fiel mir ein, dass ich im ganzen Umbautrubel total vergessen hatte, ein Geschenk für ihn zu besorgen. »Ich … ich …«, stammelte ich hilflos. »Das ist mir noch nie passiert, aber ich habe aber gar kein Geschenk für dich.« Er lächelte liebevoll und sah zu, wie ich ein kleines Kästchen auswickelte. »Da musst du dir keinen Kopf machen. Du kannst mir etwas schenken, das dich keinen Cent kosten wird.« Ich hob den Deckel und starrte fassungslos den Ring an, der dort in einem roten Samtkissen steckte. »Sag einfach ja, das wäre mein schönstes Geschenk!«

Wissen sie jetzt, was ich anfangs gemeint habe? Es muss nichts Teures sein und auch nichts Großes. Natürlich war der Verlobungsring, den Holger mir geschenkt hat teuer, aber dafür kostete mein „Ja“ tatsächlich keinen Cent. Für mich wird Weihnachten ab sofort und für immer das Fest der Liebe sein. Ich sehe Weihnachten und auch die Vorweihnachtszeit mittlerweile mit ganz anderen Augen und bin unsagbar glücklich. Holger und ich werden einen Tag vor Heiligabend heiraten und der Adoptionsantrag für Merle ist ein Geschenk, das wir unserer Tochter unter den Baum legen werden. Ich hoffe, dass vielleicht der eine oder andere von Ihnen in diesem Jahr auch die Erfüllung eines Traumes unter dem Baum findet und wünsche Ihnen von ganzem Herzen

 

„Frohe Weihnachten!“

Ihre Leni Schmittke, aber bald Leni von Dreesen.

 

Halloween 2016

Der Weg wurde immer steiler und ein eiskalter Wind suchte sich seinen Weg durch die dicht stehenden Bäume. Laura fröstelte. Dicht neben ihr raschelte es. Sie blieb erschrocken stehen. Laura drehte sich um. Der Lichtstrahl ihrer Taschenlampe schwenkte suchend über den Weg, den sie gerade gegangen war. Er war leer. Angst kroch in ihr hoch und schnürte ihre Kehle zu. Sie versuchte zu schreien, brachte aber nur ein leises Krächzen zustande. Lauras Atem wurde schneller. Sie schluckte und der Kloß in ihrem Hals löste sich. >Wo seid ihr?< schrie sie, so laut sie konnte und lauschte. Keine Antwort. Wieder raschelte es neben ihr. >Peter … Simone … Ich finde das nicht lustig.< Noch einmal schwenkte sie die Taschenlampe über den schmalen Trampelpfad, der nach unten zum Parkplatz führte. Noch immer war der Weg leer. >Wo seid ihr?< rief Laura noch einmal so laut sie konnte und noch einmal hörte sie nur das Rascheln, das ihr immer unheimlicher wurde.

>Buh!< Erschrocken trat Laura einen Schritt zurück und wäre beinahe gestolpert. Die zwei dunklen Gestalten, die plötzlich neben ihr aufgetaucht waren begannen lauthals zu lachen. Die Angst, die sie eben noch empfunden hatte machte einer Wut Platz, die von Sekunde zu Sekunde wuchs. >Seid ihr komplett bescheuert?<, schrie sie und machte so ihrem Ärger Luft. >Ich hätte beinahe einen Herzinfarkt bekommen.< >Dafür bist du viel zu jung!<, sagte Peter mit einem breiten Grinsen. >Du brauchst mir keine Komplimente zu machen. Davon wird es auch nicht wieder gut … Ich würde am liebsten umkehren.< >Kommt nicht in Frage!< Simone hakte Laura unter und zog sie weiter den Berg hinauf. >Es war deine Idee zur Burg zu gehen, nicht unsere.<

Keine zehn Minuten später standen sie vor der mächtigen Eingangstür. Ein Flattern über ihren Köpfen ließ sie nach oben schauen. >Ist es das was ich denke?<, fragte Simone. >Fledermäuse!< bestätigte Peter ihre Vermutung und beobachtete fasziniert wie ungefähr zwanzig dieser Tiere den mondbeschienenen Burgturm umkreisten. >Schließ auf!< drängelte Simone. >Das ist unheimlich!< Peter kam ihrer Bitte nach und kaum, dass die Tür einen schmalen Spalt geöffnet war, schob Simone sich ins Innere der Burg. >Igitt! Nimm das weg von mir!< schrie sie einen Moment später und strich sich mit beiden Händen über ihr kaltes Gesicht. >Ich hasse Spinnen!<

Plötzlich wurde die eben noch stockdunkle Halle von einem angenehm warmen Licht erhellt. Simone atmete erleichtert auf und wischte sich die restlichen Spinnweben aus ihrem Gesicht. >Ich bin zwar keine Angsthase, aber ich mag weder Mäuse noch mag ich Spinnen<, erklärte sie entschuldigend. >Dann lass mich dieses hübsche Exemplar aus deinen Haaren nehmen<, erwiderte Peter lachend. Simone, die vermutete, dass er ihr nur Angst machen wollte, lachte mit, verstummte aber sofort, als sie das riesige schwarze Etwas in seiner hohlen Hand sah. Behutsam setzte Peter die Spinne auf dem Boden ab. Es dauerte einen Moment, bis sie sich in Bewegung setzte, den Raum durchquerte und hinter einer hohen Vitrine verschwand.

>Ich bleibe keine Minute länger in einem Raum mit diesem Monster!< Simone wandte sich unter den amüsierten Blicken von Laura und Peter zum Gehen, aber Peter hielt sie zurück. >Nein, nein Fräulein, du bleibst schön hier. Weißt du eigentlich wieviel Überredungskunst es mich gekostet hat, den Schlüssel für die Burg zu bekommen? Frau Schwarz hat sich angestellt, als hätte ich die Kronjuwelen von ihr verlangt. Ich musste sie mit einem großen Blumenstrauß und einer Schachteln Pralinen bestechen.< >Aber du bist der Sohn des Bürgermeisters.< >Das ist nicht immer ein Vorteil, kam mir dabei aber sicherlich zu Gute.< Laura, die zu Besuch bei ihrer Freundin war, hatte unbedingt herkommen wollen und so lange gebettelt, bis Simone nachgegeben und mit Peter telefoniert hatte.  Der schloss gerade  die Eingangstür ab und drehte sich dann zu den Mädchen um. Simone stieg  langsam die Treppe hinauf, ohne den Blick von der hohen Vitrine zu nehmen, hinter der die Spinne verschwunden war. Laura stand bereits oben vor einem der Ölgemälde, die dort hingen. Langsam drehte sie sich um und stammelte mit weit aufgerissenen Augen: >Das müsst ihr euch ansehen!< Simone warf noch einen ängstlichen Blick auf die Vitrine, dann gab sie sich einen Ruck und rannte die letzten Stufen hoch.

Laura hatte den Blick wieder dem Gemälde zugewandt und zeigte mit einem zitternden Finger darauf. >Das gibt’s doch gar nicht!< Simone glaubte ihren Augen nicht zu trauen. Konnte es sein, dass das Bild neu aufgehängt worden war? Sie war schon des Öfteren hier gewesen, aber dieses Gemälde war ihr noch nie aufgefallen. Vielleicht hatte sie es auch noch nie richtig angesehen.  Peters lauter Pfiff ließ die beiden Mädchen zusammenzucken. >Wusste ich es doch, dass ich dein Gesicht schon mal irgendwo gesehen habe<, sagte er und verbeugte sich vor Laura.  >Herzlich Willkommen Lady Elisabeth!< Simone kicherte, während der Bick ihrer Freundin immer noch auf das Bild gerichtet war, unter dem ein Messingschild mit dem eingravierten Namen Elisabeth von Waldenstein hing. Die traurige Geschichte von Elisabeth und Stefan kannte Laura aus dem Buch, das Simone ihr geschenkte hatte und das der Grund war, warum sie unbedingt die Burg besuchen wollte. Dass sie die Zwillingsschwester der Burgherrin hätte sein können, ließ Laura frösteln. Die Frau auf dem Bild sah haargenau aus, wie sie selbst. Sogar der kleine Leberfleck unter Lauras rechtem Auge hatte dieselbe Form und Größe, wie der von Lady Elisabeth. Das Licht der Lampen, die wie Fackeln aussahen und den langen Flur erhellten, flackerte. Irgendwo draußen schrie eine Eule. >Das ist mehr als unheimlich.  Lasst uns gehen<, bat Laura. Simone und auch Peter nickten stumm.

Ein lautes Scheppern hallte durch den langen Flur und gleichzeitig setzten sich die drei in Bewegung. Sie rannten die Treppen nach unten auf die Eingangstür zu. Hektisch suchte Peter in seiner Hosentasche nach dem Schlüssel. Wieder hörten sie dieses seltsame Scheppern, allerdings schon viel näher. >Mach doch schneller!< schrie Simone panisch. >Da kommt jemand. Ich hab Angst!< Peter hatte den Schlüssel endlich gefunden, steckte ihn mit zitternden Fingern ins Schloss und versuchte ihn zu drehen. Nichts passierte. Er rüttelte an der Klinke, versuchte wieder den Schlüssel zu drehen. Auf seiner Stirn standen Schweißtropfen, obwohl es hier drinnen kalt war. Peter drehte sich zu dem immer näher kommenden Geräusch um, während er weiter versuchte, die Tür zu öffnen. Jetzt nahm er neben dem Scheppern und Klirren auch schlurfende Schritte wahr. Simone zog an Peters Arm. >Schließ jetzt sofort auf!< >Was glaubst du, was ich die ganze Zeit versuche?< Er zog hektisch den Schlüssel aus dem Schloss, spuckte darauf und rieb ihn an seiner Jeans. Überraschend ruhig steckte Peter den Schlüssel erneut ins Schloss, drehte ihn und nahm triumphierend ein leises Klicken wahr. Er riss die Tür auf und Simone stürmte sofort an ihm vorbei ins Freie. >Laura, mach schnell!< rief Peter und folgte Simone nach draußen. Kurz hinter der Tür blieb er stehen, um zu sehen, ob Laura ihm folgte. Aber Laura hatte ihm den Rücken zugewandt und ging langsam auf eine Gestalt zu, deren Anblick Peter das Blut in den Adern gefrieren ließ. Neben dem Gemälde Elisabeth von Waldensteins stand ein Ritter, dessen blankpolierte Rüstung im Schein der flackernden Lampen gespenstisch funkelte. In der einen Hand hielt er einen Strauß roter Rosen, in der Anderen seinen Kopf. Alles schien so unwirklich und erinnerte Peter an den Eingang einer schlecht gemachten Geisterbahn.

Er schloss die Augen, kniff sich in die Wangen und hoffte, dass er träumte. Als er die Augen wieder öffnete, sah er gerade noch, wie Laura beinahe bei dem Ritter angekommen war. >Laura! Was machst du. Komm!< konnte er noch rufen, dann fiel die Tür ins Schloss.

>Wo ist sie?< fragte Simone beinahe tonlos. Peter hob den Arm und zeigte auf die geschlossene Tür. >Wir müssen ihr helfen!< Simones Stimme zitterte, aber sie ging entschlossen auf die Tür zu, drückte die Klinke nach unten und rüttelte daran. Sie bewegte sich keinen Millimeter. >Hilf mir doch!< schrie sie Peter an, der im nächsten Moment schon neben ihr stand und sie von der Tür wegzog. >Wir beide alleine können nichts tun. Wir müssen Hilfe rufen. Gib mir dein Handy!< >Der Akku ist leer!< >Mist, meins liegt im Auto.<

Peter achtete nicht auf die kleinen Äste, die rote Striemen auf seinen Wangen hinterließen. Krampfhaft hielt er Simone fest, die dicht hinter ihm herlief. Atemlos erreichten sie den Parkplatz und Peter konnte einen Notruf absetzen. Es dauerte nicht lange, bis zwei Feuerwehrautos an ihnen vorbeirasten. Kurze Zeit später hielt ein Streifenwagen neben ihnen, zwei weitere fuhren in atemberaubendem Tempo Richtung Burg.

>Ihr könnt mir auf dem Weg erzählen, was passiert ist<, sagte einer der Beamten und bat die Beiden hinten einzusteigen.  Er hörte aufmerksam zu, während sein Kollege auf dem Beifahrersitz Notizen machte. >So, so, ein kopfloser Ritter. Warum habe ich nur den Eindruck, dass ihr uns veräppeln wollt? Das Eine sage ich euch. Mir ist egal, ob heute Halloween ist, oder nicht. Wenn an eurer Entführung nichts dran ist, dann kommt euch das sehr teuer zu stehen!< >Glauben Sie mir doch. Er hatte wirklich seinen Kopf unter dem Arm!< Der Polizist, der selbst einen beinahe volljährigen Teenager zu Hause hatte, musste trotz dem Ernst der Lage schmunzeln. Die Jugendlichen waren sehr kreativ, was ihre Halloweenstreiche anging, aber einen kopflosen Ritter hatte es noch nie gegeben.

Als sie die Burg erreicht hatten, wollte Peter sofort aus dem Fahrzeug springen. Einer der Polizisten hielt ihn zurück. >Ihr bleibt so lange sitzen, bis ich euch rufe. Haben wir uns verstanden?< Peter nickte wortlos, während Simone nur ein leises Seufzen von sich gab. Sie saß zusammengesunken neben ihm und schien um sich herum nichts mitzubekommen. Er sah durch die Windschutzscheibe. Gerade stürmten die Polizisten durch die Tür, die die Feuerwehrmänner mit Stemmeisen aufgehebelt hatten.

Peter nahm Simones Hand und drückte sie fest. Angespannt sah er Richtung Burg und es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis er in der Tür eine Bewegung wahrnahm. >Ich glaube da ist Laura<, sagte er aufgeregt und Simone folgte seinem Blick. Flankiert von zwei Polizisten trat eine Gestalt aus der Burg. Sie trug ein Brautkleid mit einer sehr langen Schleppe. Ein Rosenstrauß lag in ihren Armen. Das Gesicht der Gestalt war blass, aber eindeutig das von Laura. >Was ist mit ihren Haaren passiert?<, fragte Simone leise, schien aber keine Antwort zu erwarten. Simones Augen füllten sich mit Tränen. Das ebenholzfarbene Haar ihrer Freundin war schlohweiß geworden. Langsam stieg Simone aus und ging auf ihre Freundin zu. Sie nahm Laura in den Arm und fragte: >Wie geht es dir?< Simone bekam keine Antwort. Laura würde nie wieder mit ihr oder irgendjemandem sonst reden.

Während sich alle Anwesenden um Laura kümmerten sah Peter nach oben. Die Fledermäuse kreisten noch immer um den Burgturm. Auf einem kleinen Balkon über der Eingangstür entdeckte er den Ritter. Seine Gestalt war im Dunkeln nur schemenhaft zu erkennen, aber der Kopf, den er in den Händen hielt, war im Mondlicht deutlich zu sehen. Peter blinzelte. Er sah Tränen auf den Wangen des abgetrennten Schädels, die im Licht des Mondes wie Diamanten funkelten. Der Ritter winkte ihm zu und noch bevor Peter die Aufmerksamkeit der Anderen auf die Gestalt lenken konnte war sie verschwunden.

Der 90. Geburtstag

Die Räder ihres Rollators quietschten leise als sie langsam, nach links und rechts schauend, den Zebrastreifen überquerte. Sie hörte dieses Geräusch schon eine ganze Weile nicht mehr. In der Straßenmitte hielt sie kurz inne und sah sich noch einmal um. Es war früh an diesem Sonntagmorgen und kein einziges Auto war zu sehen. Lange würde es nicht mehr dauern, dann würde Schorndorf erwachen und die Straße, die sie gerade überquerte, mit Leben erfüllt sein. Sie schob ihre Gehilfe über den Absatz des Bürgersteigs und sah die kleine Anhöhe hinauf, die vor ihr lag. In den Platanen, die den Weg säumten zwitscherten Unmengen von Vögeln, es schien, als würden Sie Anna Bareiss begrüßen. Ein Lächeln huschte über ihre Lippen. Sie liebte diesen Abschnitt ihres Weges, den sie nun schon seit fast drei Jahren täglich ging. Die Zeit, die sie von ihrer kleinen Wohnung in der Römmelgasse zum neuen Friedhof, dann hierher und zurück brauchte, wurde von Woche zu Woche länger, aber was machte das schon. Zeit hatte Anna genug. Im Schatten der Platanen blieb sie stehen und beobachtete zwei Zitronenfalter, die aufgeregt von einem Baum zum nächsten flogen. Die beiden Schmetterlinge erinnerten sie an die Kinder, die hier an den Wochentagen in den beiden Tagesstätten, Fangen spielten. Seufzend knöpfte sie, mit gichtgekrümmten Fingern, ihre dünne Strickjacke zu. Hier im Schatten war es deutlich kühler. Es knirschte unter den Rädern ihres Rollators, als sie den kiesbedeckten Weg weiterging, aber auch dieses leise Geräusch hörte Anna Bareiss nicht mehr. Heute war ihr 90. Geburtstag und obwohl sie sich sonst sehr guter Gesundheit erfreute, brachte das Alter es mit sich, dass Augen und Ohren nicht mehr so wollten wie früher. Ihr Hörgerät lag zu Hause auf der Anrichte, aber das
brauchte sie bei ihren morgendlichen Spaziergängen nicht. Sie trug es eigentlich nur, wenn sie zum Einkaufen ging.

Als sie endlich die kleine Holzbank erreicht hatte, die mitten auf der inzwischen gemähten Wiese stand, zog sie die Bremsen des Rollators an und nahm ihre Hände erst von den Griffen, als sie saß. Sie löste die Bremsen wieder und schob das Gefährt ein Stück zur Seite, um einen freien Blick auf die Holzkreuze zu haben, die von Bux umringt, vor ihr standen. Sie konnte die Namen auf den Kreuzen nicht lesen, denn ihre Brille lag neben dem Hörgerät auf der Anrichte, aber das war Anna egal. Sie wusste genau, auf welchem der Name Jakob Draing stand. >Ach Jakob!<,
seufzte sie und öffnete die Knöpfe ihrer Strickjacke wieder, denn hier in den ersten
Sonnenstrahlen des Tages, war ihr angenehm warm. Anna lehnte sich zurück und
begann, wie jeden Tag seit drei Jahren, ein Gespräch mit dem Holzkreuz. >Ich weiß
nicht, ob du dich erinnern kannst<, sagte sie, >aber heute ist mein Geburtstag. Ich
bin ein wenig aufgeregt, denn am Nachmittag bekomme ich Besuch. Ja, stell dir vor,
der Herr Oberbürgermeister hat sich bei mir angekündigt. Er kommt zum Kaffee und
ich hab gestern schon ein paar von den Nusshörnchen besorgt, die ich so gerne
esse. Ich hoffe der Herr Klopfer mag sie auch so gerne wie ich.< Sie machte eine
Pause und beobachtete wie eine große Eidechse an dem Kreuz, mit dem sie gerade
sprach, nach oben ging und es sich auf dem Querholz in der Sonne bequem machte.
>Ich bekomme sonst fast nie Besuch und hoffe nur, dass es ihm bei mir gefällt.< Eine
Träne löste sich aus ihrem Augenwinkel und rollte unbeachtet ihre Wange hinunter.
Anna Bareiss war alleine. Ihre Ehe mit Erwin, der vor drei Jahren gestorben war und
den sie seitdem auch täglich auf dem neuen Friedhof besuchte, war leider kinderlos
geblieben. Ihre beiden Brüder waren im zweiten Weltkrieg gefallen. Der Jüngere,
gerade achtzehn Jahre alt, als er damals Schorndorf verließ, hatte die
Gefangenschaft in Russland nicht überlebt. Ihren älteren Bruder hatte man zum
Wüstensturm nach Afrika geschickt und auch er war nicht mehr nach Hause
gekommen. Seine Todesnachricht erreichte ihre Familie Anfang des Jahres 1943,
kurz danach hatte sie Jakob kennengelernt. Jetzt flossen die Tränen in Strömen und
sie zog ein Schneuztuch aus der Tasche ihrer Strickjacke. Jakob war ihre große
Liebe gewesen. Nie wieder hatte sie so etwas gefühlt, wie damals im Sommer 1943.
Ihrem Mann Erwin hatte sie die Geschichte von Jakob erzählt, noch bevor er ihr
einen Heiratsantrag gemacht hatte. Dreizehn Jahre lang hatte Anna um Jakob
getrauert und es nicht zugelassen, dass ein anderer Mann sich auch nur näherte.
Das änderte sich, als sie 1958 von den Eisenmöbelfabrik L & C Arnold zu dem neu
gebauten Werk der Firma Bauknecht wechselte. Sie wollte weg von der Produktion
und hatte sich damals, nach langen Jahren der Fortbildung in Abendkursen, um eine
Stelle im Personalbüro beworben. Erwin hatte nur ein paar Wochen nach ihr dort
angefangen und sie mochte den sympathischen Vorarbeiter von Anfang an sehr
gerne. Obwohl sie sich anfangs gegen eine Liebesbeziehung gewehrt hatte, gab
Erwin nicht auf, sie zu umwerben. Viele Monate und unzählige Gespräche nach
ihrem ersten Zusammentreffen in der Kantine, war sie zum ersten Mal mit ihm
ausgegangen. Es folgten noch viele Verabredungen zu Spaziergängen an der Rems,
oder zum Tanzen im Lamm in Schornbach, bis sich Anna sicher war, dass sie mit
Erwin den Rest ihres Lebens verbringen wollte und JA sagte. Auch wenn Jakob
immer einen Platz in ihrem Herzen hatte, und die Gefühle für ihren Mann anders
waren, als für den polnischen Zwangsarbeiter, so war Anna doch sehr glücklich
gewesen mit ihrem Erwin. Sie hatten eine harmonische, unheimlich glückliche Zeit
und 2010 hatte Erwin sie zum zweiten Mal in die Kirche geführt, um die goldene
Hochzeit zu feiern. Zwei Jahre später war er gestorben. Seit seinem Tod wünschte
sich Anna, ihm zu folgen. Sie fragte sich oft, was Gott mit ihr noch vorhatte, warum er
sie nicht endlich zu sich holte. Ihre Tage waren einsam und einer glich dem anderen.
Jeden davon begann sie mit einem Besuch an Erwins Grab und zwei Wochen nach
seiner Beerdigung, war sie danach zum ersten Mal hierhergekommen. Sie hatte
diesen Platz stets gemieden, aber jetzt fühlte es sich gut und richtig an, auch Jakob
zu besuchen. Wenn sie hier auf der Bank saß, war sie nicht mehr alleine. Wie Arme,
die sich um sie legten, spürte sie die Nähe zu ihrer großen Liebe.
Mittlerweile waren Annas Tränen versiegt und sie beobachtete, wie die Eidechse zur
anderen Querlatte des Holzkreuzes kletterte. Sie sog den Geruch von frisch
gemähtem Gras tief ein und sah auf die goldene Uhr, die Erwin ihr zum 60.
Geburtstag geschenkt hatte. Sie meinte zu erkennen, dass es kurz vor neun war, und
wenn sie den Gottesdienst in der Stadtkirche nicht verpassen wollte, dann würde sie
sich bald auf den Weg machen müssen. Auch wenn es nur ein Fußweg von zehn
Minuten war, Anna brauchte fast das Dreifache an Zeit. Anklagend sag sie zum
Himmel und sagte leise: >Wenn du mich schon nicht zu dir holst, dann mach
wenigstens, dass meine Beine besser funktionieren.< Ihr Blick folgte einer kleinen
Wolke, die in der Form eines Fisches langsam über den sonst stahlblauen Himmel
zog, dann sah sie wieder zu dem Holzkreuz. Die Eidechse war verschwunden.
Vielleicht hatte sie Hunger, dachte Anna und stellte fest, dass es ihr genauso ging.
Ihr kärgliches Frühstück aus einer großen Tasse Milchkaffee und einem Stück
trockenen Brot, das sie darin eingetaucht hatte, lag schon über drei Stunden zurück.
Sie rutschte ein Stück auf der Bank nach vorne und griff in den Jutebeutel, der in
dem kleinen Korb am Lenker des Rollators lag. Die Banane, die sie zu Tage förderte,
hatte schon ein paar braune Flecken, schmeckte aber köstlich. Anna legte die Schale
in den Korb und lehnte sich müde zurück. Die Strecke, die sie jeden Morgen ging,
war beachtlich und es kam schon ab und zu vor, dass sie hier auf der Bank ein
kurzes Nickerchen machte. Sie schloss die Augen und es dauerte nicht lange, bis
leise Schnarchlaute zu hören waren. Anna war eingeschlafen.
Sie hatte gerade den Fuß auf die letzte Treppenstufe gesetzt und war im Begriff die
Haustür zu öffnen, als ein ohrenbetäubendes Krachen sie zusammenzucken ließ.
Automatisch ging sie in die Hocke und legte ihre Arme schützend über den Kopf. Ihre
schreckgeweiteten Augen suchten den Weg zum nahen Keller. Ihr ganzer Körper
zitterte wie Espenlaub. Sie lauschte, aber statt der aufheulenden Sirenen, die sie
erwartet hatte, vernahm sie nur Fußgetrappel, das sich anhörte als würde eine Herde
wilder Pferde durch die Römmelgasse preschen. Dann eine Stimme, deren harscher
Ton ihr das Blut in den Adern gefrieren ließ. >Du nach oben. Ihr schaut im Keller.
Durchsucht das ganze Haus, wir nehmen alle mit.< Anna hatte Angst. Was war da
draußen los. Noch immer kauerte sie in der Hocke vor der geschlossenen Haustür.
Sie sah auf ihre Uhr und stellte erschrocken fest, dass ihr nicht mehr viel Zeit blieb,
um pünktlich bei der Arbeit zu sein. Noch nie war sie in den letzten drei Jahren zu
spät gekommen. Nicht einen Tag hatte sie gefehlt. Sie hatte großes Glück gehabt,
dass sie direkt nach der Schule bei der Firma Arnold eine Stelle in der Produktion
bekommen hatte. Sie und ihre Mutter brauchten das Geld, das Anna dort verdiente
jetzt umso mehr. Vor nicht einmal vier Wochen hatte sie die schreckliche Nachricht
erreicht, dass ihr älterer Bruder in Afrika gefallen ist. Der Jüngere war in Russland
und von ihrem Vater hatten sie schon wochenlang kein Lebenszeichen mehr
erhalten. Ihre Mutter war krank und konnte nicht mehr arbeiten, also lag es ganz
alleine an ihr, für den Unterhalt zu sorgen. Allen Mut zusammennehmend stand Anna
auf, öffnete die Tür einen kleinen Spalt und sah hinaus. Auf der gepflasterten Strasse
stand ein großer, brauner LKW des Militärs, dessen Plane nach oben geschlagen
war. Davor ein Jeep mit geöffneten Türen, flankiert von zwei Soldaten, die ihre
Maschinengewehre auf das Haus der Guttenbergers gerichtet hatten. >Oh mein
Gott!< rief Anna und hielt sich sofort die Hand vor den Mund. Ihre Augen waren
unverwandt auf die Soldaten gerichtet, aber es schien, als ob die Beiden nichts
gehört hatten. >Bitte nicht die Guttenbergers!<, flüsterte sie durch die vorgehaltene
Hand. Tränen standen in ihren Augen. Erst gestern bei der Arbeit hatte man erzählt,
dass Sinti- und Roma-Familien aus Stuttgart abgeholt und in ein Zigeunerlager nach
Auschwitz-Birkenau gebracht wurden. Niemand wusste genau was es mit diesem
Lager auf sich hatte und was dort passierte, aber es kursierten unzählige Gerüchte,
die Anna einfach nicht glauben wollte. Mittlerweile standen ein paar ihrer Nachbarn
auf der Straße und beobachteten das Haus mit der Nummer acht. Sie wusste, dass
sie los musste und fragte sich, was denn passieren sollte, wenn so viele Leute
zusahen. Also zog Anna die Tür ein Stück weiter auf, trat einen Schritt auf die Straße
und schloss die Haustür wieder. Sie wollte nicht sehen, was im Haus ihrer Nachbarn
passierte und richtete den Blick auf die Straße. Wenn ich schnell gehe, dachte sie,
dann schaffe ich es noch pünktlich zur Arbeit. Gerade als sie losging, hörte sie ihren
Namen: >Anna!< Die kindliche Stimme gehörte Elisabeth. Noch einmal rief das
Mädchen: >Anna! Bitte hilf mir!< Abrupt blieb Anna stehen und drehte sich um. Das
Mädchen stand zwischen zwei Soldaten, die sie an den Armen hielten vor dem LKW
und zappelte hin und her. >Bitte! Lasst mich doch los. Ich hab doch nichts getan.<
rief sie. Ihr hilfesuchender Blick wanderte zu Anna. >Eli!< Anna hörte ihre eigene
Stimme wie durch eine Wand aus dicker Watte. Sie streckte ihre Hände nach dem
Mädchen aus, auf das sie so viele Jahre aufgepasst hatte, wenn Elisabeths Eltern
bei der Arbeit waren, und ging langsam auf sie zu. Sofort wurden die zwei Gewehre
auf sie gerichtet. Anna blieb stehen, ohne ihren Blick von dem weinenden Mädchen
zu nehmen. Die nächsten Minuten nahm sie nur wie in einer Art Trance wahr. Alles
erschien irreal.
So stand sie noch, als die Fahrzeuge längst wieder weg waren. Ihr Blick war starr auf
die offen stehende Haustür gerichtet, durch die nach und nach alle Angehörigen der
Familie Guttenberger gebracht worden waren. Anton, Johanna, Berta, Marie,
Elisabeth und zuletzt der Pflegesohn Karl. >Alles gut Ihnen? Kann helfen?< Annas
Starre löste sich und sie drehte sich zu dem Mann um, der sie angesprochen hatte.
Sie sah in ein paar wasserblaue Augen, die sie aufmerksam beobachteten. Er
lächelte sie an und sein ganzes Gesicht schien zu strahlen. Der leichte Nieselregen,
der schon vor einer Weile eingesetzt und den Anna überhaupt nicht bemerkt hatte,
fing sich in den kurzen Stoppeln seiner strohblonden Haare. Er streckte ihr eine Hand
entgegen und legte sich die andere auf die Brust. >Ich Jakob!< Das war der Beginn
einer unbeschreiblichen Liebe.
Sie riss einen Grashalm aus und betrachtete ihn im Licht der Nachmittagssonne,
dann sah sie zu Jakob, der auf der ausgebreiteten Decke lag und schlief. Anna war
glücklich! Die letzten anderthalb Jahre waren wie im Flug vergangen und dieser
August im Jahr 1944 sollte zugleich der glücklichste, als auch der schlimmste Monat
in ihrem Leben werden. Den glücklichsten hatte sie bereits hinter sich. Vor genau
einer Woche an einem Sonn- und Sonnentag wie heute, auf derselben Wiese direkt
an der Rems, hatte er um ihre Hand angehalten. Leise, so dass sie kaum die vielen
Bienen, die in den unzähligen Blumen auf der großen Wiese ihrer Arbeit nachgingen,
übertönte, flüsterte sie seinen Namen und beobachtete ihn. Sein Gesicht lag im
Schatten eines Baumes, der am Rand des Remsufers stand. Er atmete flach und
gleichmäßig. >Jakob!< sagte sie dieses Mal ein wenig lauter und kitzelte ihn mit dem
Grashalm an der Nasenspitze. Er öffnete langsam die Augen und sah sie lächelnd
an. >Bin ich eingeschlafen?< fragte er in einem mittlerweile sehr guten Deutsch.
Anna hatte täglich mit ihm gelernt und war unheimlich stolz auf die Fortschritte, die er
gemacht hatte. Keiner seiner Landsleute, die zusammen mit ihm nach Schorndorf
gebracht worden waren, beherrschte die Sprache so gut wie er. Jakob setzte sich auf
und strich ihr zärtlich die Haare aus dem Gesicht. >Geht es dir gut mein Engel?<,
fragte er, noch immer lächelnd. Sie nickte. >Ich wünschte nur, der Krieg wäre endlich
vorbei und wir könnten zu dir nach Hause und heiraten.< Eine Hochzeit in Nazi-
Deutschland war undenkbar. Sie wussten auch, dass schon das Bekanntwerden
ihrer Liebesbeziehung ein Todesurteil für Jakob hätte sein können. Ein Untermensch
und eine Deutsche war in den Augen der Nazis ein Verbrechen, das die Todesstrafe
verdiente. Zwar genoss er ein paar mehr Freiheiten, als viele seiner Landsleute, da
seine Arbeit bei der Stadt Schorndorf sehr geschätzt wurde, aber keiner konnte
ahnen, ob das auch so bleiben würde. >Das wünsche ich mir auch. Endlich wieder
ein Familie zu haben mit Dir und Adam ist mein allergrößter Traum.< Adam war
Jakobs Sohn, der, wenn er noch lebte, mittlerweile fünf Jahre alt war. Die traurige
Geschichte hatte er ihr schon ein paar Tage nach ihrem Kennenlernen erzählt, wenn
sie sich auch viel hatte zusammenreimen müssen. Damals war sein deutsch noch
ziemlich holprig gewesen. Jakobs Frau war bei der Geburt des Sohnes gestorben
und er hatte ganz alleine für das Baby sorgen müssen. Als die Deutschen ihn dann
nach Stuttgart verschleppten, wurde der zweijährige in die Obhut von Jakobs
Nachbarin gegeben. Noch im Gefängnis hatte er angefangen Briefe an ihn und die
Nachbarin zu schreiben. Abschicken konnte er sie nicht, doch sie waren sein
wertvollstes Hab und Gut, das er immer am Körper trug. Kaum, dass er nach
Schorndorf kam und in der städtischen Schreibstube seine Arbeit aufnahm, schickte
er das erste Päckchen nach Polen. Seitdem brachte er jede Woche einen langen
Brief auf den Weg. Antwort hatte er nie bekommen, aber Jakob gab die Hoffnung
nicht auf. Tief in seinem Innern spürte er, dass Adam noch am Leben war. Ganz
anders als die vielen Zwangsarbeiter hier in Schorndorf, genoss Jakob einen
Sonderstatus. Er war dreisprachig aufgewachsen und sprach neben polnisch auch
russisch und sogar französisch, das er seiner Großmutter verdankte, die ursprünglich
aus dem Elsass kam. Er wurde als Dolmetscher eingesetzt, hatte sonntags und
manchmal auch den Samstag frei und es war ihm sogar erlaubt, ohne das
Kennzeichen für Ostarbeiter aus dem Haus zu gehen. Sein Blick war in weite Ferne
gerichtet und Anna nahm seine Hand in die Ihre. >Ich weiß, dass alles ein gutes
Ende nehmen wird, moje kochanie! Mein Liebling.< Er küsste sie leidenschaftlich,
nicht ohne sich vorher zu vergewissern, dass niemand in der Nähe war, der sie
beobachtete. Anderthalb Jahre war es ihnen gelungen, sich beinahe täglich heimlich
zu treffen, und das sollte auch so bleiben. Wie sehr Anna sich jedoch mit dem guten
Ende getäuscht hatte, sollte sie nur ein paar Tage später erfahren.
>Jetzt hab dich doch nicht so, Mädchen. Was ist denn schon dabei, wenn wir beide
einmal etwas gemeinsam unternehmen? Wir werden bestimmt viel Spaß zusammen
haben.< Anna hielt ihren Blick gesenkt. Sie mochte nicht in das feiste Gesicht ihres
Vorarbeiters sehen, der sie schon seit Wochen bedrängte und belästigte. Sie hasste
ihn. Er war in ihren Augen einfach nur ekelerregend, außerdem hätte er ihr Vater sein
können. >Ich gehe nicht aus. Ich muss mich um meine Mutter kümmern.< Jetzt hob
Anna den Blick ein wenig und sah in die kleinen, trüben Augen ihres Vorgesetzten.
Eine Strähne seiner fettigen Haare, die er über seine Stirnglatze kämmte, hatte sich
gelöst und lag jetzt zwischen diesen Schweinsäuglein auf seiner Nase. >Ach so, du
gehst nicht aus. Aber bei dem dreckigen Polacken machst du eine Ausnahme, oder
was?< Das Blut gefror ihr in den Adern und sie sah ihn mit schreckgeweiteten Augen
an. Reiß dich zusammen Anna, versuchte sie sich selbst zu beruhigen. Ihre Knie
wurden weich und sie befürchtete, gleich umzukippen. Er darf nicht merken, dass du
Angst hast. >Ich weiß nicht was sie meinen.< antwortete Anna, wie sie hoffte mit
fester Stimme, aber das Zittern war nicht zu überhören. Er lachte höhnisch und Anna
war jetzt wirklich einer Ohnmacht nah. >Du willst mich wohl für dumm verkaufen. Ich
weiß genau, was da läuft, aber dem werde ich jetzt ein Ende bereiten.< Er drehte
sich um, ließ Anna einfach stehen und stapfte davon. Noch am selben Tag wurde
Jakob von der Gestapo direkt aus der Schreibstube im Rathaus abgeholt und in das
Polizeigefängnis Welzheim gebracht. Anna hatte sich krank gemeldet und war ihrem
Jakob gefolgt. Sie konnte bei einer Cousine unterkommen, die direkt neben dem KZ
Welzheim, wie es im Volksmund genannte wurde, wohnte. Jeden Tag saß sie am
Fenster und hoffte, ihn einmal zu Gesicht zu bekommen. Am frühen Morgen des
fünften Tages nach seiner Verhaftung brachte man ihn weg. Anna rannte aus dem
Haus, so schnell sie konnte und versuchte dem LKW zu folgen, in dem Jakob saß.
Sie wusste, wohin man ihn bringen würde, denn ihre Cousine war über die meisten
Aktivitäten des KZ bestens informiert. Anna wusste auch, dass es keine Hoffnung
mehr für Jakob gab und trotzdem rannte sie immer weiter. Als sie am Welzheimer
Steinbruch ankam, sah sie gerade noch, wie man Jakobs Leichnam abschnitt und
auf die Ladefläche des LKW‘s hob. Sie hatten ihn erhängt. Schluchzend brach Anna
zusammen und stammelte: >Jakob, Moja milosc! Moje zycie!<
>Anna?< Tränen liefen ihr über die Wangen und sie hörte ihren Namen in weiter
Ferne. >Anna?< Sie öffnete die Augen und sah auf das hölzerne Kreuz. Sie musste
eingeschlafen sein. Der lebendige Traum hielt sie noch gefangen. >Anna?< Sie
erschrak und drehte sich zu Seite. Sie hatte nicht bemerkt, dass sich jemand neben
sie gesetzt hatte. Ihr Blick war verschleiert von den Tränen und sie nahm wieder ihr
Schneuztuch, um sich das Wasser aus den Augen zu reiben und zu sehen, wer sie
angesprochen hatte. Ihr Herz setzte für einen kurzen Moment aus, dann entspannte
sie sich. Sie träumte wohl noch immer, denn sie sah in Jakobs Gesicht, das sie in
gewohnter Weise anlächelte. >Sind sie Anna?< Sie nickte verwirrt. Wieso stellte er
ihr diese Frage. Er wusste doch genau, wer sie war. Sie spürte, wie er eine Hand auf
ihren Arm legte. >Ich bin Filip<, stellte er sich vor. >Jakob war mein Großvater.< Jetzt
erst begriff Anna. Der junge Mann neben ihr war Adams Sohn. Lange brachte sie
kein Wort heraus, sondern starrte nur in das Gesicht, das ihr so bekannt war.
>Filip?< Ihre Stimme war heißer. Jetzt war er es, der nickte. >Ich bin so froh, dass
ich Sie endlich gefunden habe<, sagte er lächelnd. >Sie haben im Schlaf seinen
Namen gerufen und polnisch gesprochen. Moja milosc! Moje zycie! Meine Liebe!
Mein Leben! Haben Sie von ihm geträumt?< Ein wehmütiges Lächeln huschte über
Annas Gesicht. >Wie so oft, wenn ich an diesem Platz sitze<, beantwortete sie seine
Frage.
An diesem Sonntag verpasste sie den Gottesdienst. Lange saß sie mit Filip, der ihre
knochige Hand in seine genommen hatte, nur schweigend da, dann begann er zu
erzählen. >Als mein Vater dieses Frühjahr gestorben ist, mussten wir seine Wohnung
ausräumen. Unter dem Bett fand ich dann diesen Karton. Er war vollgestopft mit
alten Briefen. Briefe, die mein Großvater während des Kriegs an meinen Vater
geschrieben hatte. Bis zu dem Tag wusste ich nur, dass Opa Jakob im zweiten
Weltkrieg gefallen ist und ich wollte mehr erfahren.< Mit dem Daumen streichelte er
gedankenverloren und liebevoll Annas Handrücken. >Natürlich habe ich die Briefe
gelesen und mein größter Wunsch war es, diese Frau kennenzulernen, die mein
Großvater über alles geliebt hatte. Meine Frau hat dann vorgeschlagen, unseren
Urlaub hier in Schorndorf zu verbringen und auf die Suche zu gehen. Ich hatte
befürchtet, nur noch ein Grab zu finden. Dass Sie … dass du jetzt neben mir sitzt, ist
die Erfüllung eines Traums.< Anna schluckte die wieder aufsteigenden Tränen
hinunter. Sie konnte ihren Blick nicht von dem jungen Mann abwenden, der ihr ein
Stück Vergangenheit zurück gebracht hatte.
Es klingelte an der Haustür. >Ich geh schon!<, sagte Filip und stand vom
Küchentisch auf. Nachdem er Anna vom alten Friedhof nach Hause begleitet hatte,
war er zum Hotel gegangen und hatte seine Frau und die beiden Kinder abgeholt.
Die letzten Stunden waren wie im Flug vergangen. Anna erzählte von Jacob und
auch von Erwin. Ihre neue Familie hatte aufmerksam den Geschichten gelauscht, die
nur so aus ihr heraussprudelten. Der Umstand, dass sie nicht blutsverwandt waren,
spielte überhaupt keine Rolle. Filip kam mit dem Oberbürgermeister, der einen
riesengroßen Strauß in Händen hielt, zurück. Die Glückwünsche der Stadt
Schorndorf nahm Anna glücklich entgegen. Sie war sehr froh, gestern genug
Nusshörnchen gekauft zu haben, dass es auch noch eins für Herrn Klopfer reichte.
Nachdem Sie ihn mit Kaffee und Gebäck versorgt hatte, stellte Anna den Strauß ins
Wasser und trug die Vase zum offen stehenden Fenster. Sie sah in den wolkenlosen,
tiefblauen Himmel und flüsterte leise: >Tut mir leid Erwin, tut mir leid Jakob. Ich kann
jetzt noch nicht kommen. Ich muss doch sehen, wie meine beiden Urenkel groß
werden.< In ihrem Kuss, den sie zum Himmel schickte, steckte so viel Liebe, dass es
für mehr als zwei Menschen gereicht hätte.
>Babcia!< Sie sah nach unten zu dem kleinen 8-jährigen Mädchen mit den blonden
Zöpfen, das aufgeregt an ihrer Strickjacke zog. >Babcia! Können wir nochmal die
Fotos von Uropa Jakob und Erwin anschauen?< Ihre Augen füllten sich mit Tränen,
aber dieses Mal waren es Freudentränen. Die Trauer der letzten Jahre war
verschwunden. Anna war einfach nur glücklich und wusste, dass sich mit dem
heutigen Tag ihr restliches Leben verändern würde.

Halloween 2015

Ich erwache wie jeden der letzten 167, oder waren es schon 168, Tage mit demselben unangenehmen Gefühl. Feuchte Kälte, die mich umhüllt wie der dichte Nebel eines Herbstmorgens, der über den Äckern des Umlandes wabert. Die kleine Luke, deren Öffnen einen kurzen Moment meine Zelle erleuchtet, wird wieder geschlossen und
die mir seit sehr langer Zeit bekannte, tiefe Schwärze umgibt mich. Ich taste nach der Schüssel und dem Krug, die mein Wärter, dessen Gesicht ich nicht kenne, durch die Luke geschoben hat. Noch bevor ich meinen Durst mit dem schalen, abgestandenen Wasser stille, ritze ich einen weiteren Strich in das raue Holz der Zellentür. Meine Finger tasten über die dort schon zu Hauf angebrachten Linien. Den zehnten habe ich immer diagonal angebracht, was mir das Zählen erleichtert. Es waren 168 Striche. Wenn meine Berechnungen stimmen, ist heute der 15. Februar 1515. Der Tag der Urteilsverkündung. Ich, Catharina Reizenfeld, bin der Hexerei angeklagt und mir ist bewusst, dass dieser 15. Februar der letzte meines kurzen, gerade mal 20 Jahre dauernden Lebens werden würde.

Ich war keine Hexe. Damals im Jahr 1515 zumindest noch nicht. Wenn ich heute zurückblicke auf diesen Tag, kann ich mich an eines sehr gut erinnern. An diesem Morgen, ich meine es war ein Freitag, hatte ich keine Angst zu sterben. Im Gegenteil. Ich freute mich sogar auf den Scheiterhaufen. Mein Schicksal war sowieso besiegelt. Und jetzt stellt euch vor, ihr würdet 168 Tage lang, 24 Stunden am Stück, einschließlich der wenigen Zeit, in der euch ein tiefer Schlaf übermannt, zittern und nichts anderes als Kälte spüren, die sogar euer Herz langsamer schlagen lässt. Glaubt ihr nicht auch, dass die Aussicht auf ein klein wenig Wärme euch glücklich machen würde, obwohl sie euren Tod bedeutet?

Ich hatte mich damit abgefunden zu sterben. Als sie mich an diesem Morgen in den fensterlosen, mit Fackeln erhellten Raum führen, in dem schon meine Verhandlung stattgefunden hatte, wusste ich, dass mir nur noch die Suche nach einem Hexenmal bevorstehen würde, dann wäre endlich alles vorbei. Der Henker reißt mir die letzten Fetzen meines Kleides, auf dessen Schürze noch immer das Blut meines Geliebten haftet, vom Leib und ich stehe nackt inmitten einer applaudierenden Menge. Bei jeder einzelnen Haarsträhne die man mir abschneidet beginnen sie zu kreischen und zu johlen. Der Henker legt theatralische Pausen ein, dann folgt der nächste Schnitt. Mit von Tränen verschleiertem Blick sehe ich tieftraurig auf den Haufen blonder Locken, die um meine nackten Füße verstreut auf dem eiskalten Steinfußboden liegen. Als ich den Kopf hebe, sehe ich direkt in ihr Gesicht. Die Frau, der ich meine Verurteilung zu verdanken habe, lacht mich triumphierend an und streicht mit dem ausgestreckten Zeigefinger über ihre Kehle. Ihre tiefgrünen Augen funkeln dabei wie
zwei Smaragde. Ihr zuerst stummes Lachen wird lauter und lauter. Sie schüttelt den Kopf mit dem hochgesteckten, rabenschwarzen Haar, das ihr, wenn es geöffnet ist, bis zu den Oberschenkeln fällt. Sie ist hübsch und nach der landläufigen Meinung des Volkes entspricht ihr Aussehen eher dem einer Hexe, als meines es jemals hätte tun können.

Solltet ihr Euch nun fragen, wie ich in diesem Dilemma landen konnte, so ist diese Geschichte schnell erzählt. Ich war elf, als mein Vater starb. Meine Mutter hatte ich nie kennengelernt. Sie war schon bei meiner Geburt gestorben. Mein Vater war Knecht auf einem Bauernhof vor den Toren der Stadt Schorndorf, die zur damaligen Zeit zum Bistum Konstanz gehörte. Als Vater starb, haben mich die Bauersleute, bei denen er im Dienst stand, in ihre Obhut genommen. Es waren sehr freundliche und liebenswerte Menschen, obwohl sie manchmal mit ihrem Schicksal haderten und sich oft fragten, warum Gott ihnen nur einen einzigen Sohn geschenkt hatte. Matthias war vier Jahre älter als ich und wir wuchsen auf wie Bruder und Schwester. Genauso liebten wir uns auch. Eine Geschwisterliebe, die tief und innig war. Keiner von uns hätte ahnen können, was sich aus unserer Verbundenheit ein paar Jahre später entwickeln würde.

Ich war siebzehn und schon lange kein Kind mehr. Ein Spätsommer wie aus dem Bilderbuch. Die Ernte war eingebracht und wir rannten barfuss über die abgemähten Stoppeln eines Roggenfeldes zur nahen Rems. Es war heiß an diesem Tag. Matthias hielt meine Hand und sein lausbubenhaftes Grinsen war so typisch für ihn. Kaum, dass wir im Schatten des mit hohen Bäumen bewachsenen Ufers angekommen waren, ließen wir unsere Kleider unbedarft fallen und stürzten uns nackt in die kühlen Fluten des Flusses. Wir tobten wie die kleinen
Kinder. Vermutlich hatte man unser Lachen bis an die Stadttore hören können. Matthias hob mich hoch, um mich wieder ins Wasser zu werfen, aber plötzlich hielt er inne. Behutsam ließ er mich ins Wasser gleiten und ich spürte den mit Steinen bedeckten Grund unter meinen bloßen Füßen. Seine Hände lagen auf meinen Hüften, die vom Wasser der Rems zärtlich umspült wurden. Lange sah er mich ernst an, dann sagte er: >Catharina, ich liebe Dich!<

Diese Worte höre ich noch heute. Seine Lippen legten sich auf meine und das Gefühl, das meinen Körper durchströmte, als seine Zungenspitze die meine berührte, trug meine Sinne auf einer kleinen, langsam über uns hinweg ziehenden weißen Wolke davon. Als wir lange Zeit später voneinander ließen, war ich diejenige, die ihn ernst ansah. >Matthias, du weißt ganz genau, dass wir das nicht tun dürfen.< Tränen liefen mir bei jedem meiner Worte aus den Augen, >Du bist Ursula versprochen.< Ursula Schertling war die älteste Tochter eines der reichsten Bauern in der Gegend. Die Heirat zwischen ihr und Matthias war schon kurz nach Ursulas Geburt beschlossene Sache. Die Väter waren sich bei einem großen Krug
Wein in der Dorfschenke schnell einig gewesen. Ursula war zwei Jahre jünger als ich und eine schwarzhaarige Schönheit. Die Hochzeit sollte an ihrem 18. Geburtstag stattfinden. Matthias und mir blieben also noch drei Jahre, die wir heimlich genießen und uns einen Plan zur Flucht ausdenken konnten.

Damals dachten wir, wir hätten ewig Zeit, aber die Jahreszeiten flogen vorüber und im März 1514 lernte Matthias einen Tagelöhner namens Peter Gais kennen. Er war ein charismatischer Mann niederen Standes, dessen aufständische Reden nicht jedermann gefielen, aber ich war sofort gefangen in seinen Geschichten, wenn er zu erzählen begann. Die ständige Erniedrigung der Unterschicht, zu der wir alle gehörten, die ansteigenden Steuern und die Reduzierung der Maßeinheiten, die Herzog Ullrich einführte, brachten großen Unmut unter das gemeine Volk. Peter war es leid gewesen, sich immer zu fügen. Er war der Mann, der die Bauern zum Aufstand rief. Ich war damals eine der einzigen Frauen, die zu seinem Kreis gehörten und mit vor Eifer geröteten Wagen und einer Mistgabel in der Hand, zwischen Matthias und ihm stand, als ungefähr 300 – 400 Bauern die Stadt Schorndorf besetzten. Wir waren junge Rebellen und fühlten uns unverwundbar. Einige Wochen später lag ich neben Matthias auf einem prall gefüllten Strohsack. Wir hatten uns gerade geliebt und ich war sowohl müde, als auch trunken vor Glück. >Wenn das alles vorbei ist<, sagte er, >gehen wir weg von hier. Vielleicht nach Konstanz. Auf jeden Fall weit genug weg von Vater, Mutter und Ursula. Wir werden heiraten und ein glückliches Leben führen.< Ich schloss die Augen und träumte von einem Hof und unseren Kindern. Dieser Traum allerdings war schon am nächsten Tag ausgeträumt, als der abgetrennte Kopf von Matthias in meinen Schoß fiel. Aus der großen Menschenmenge war er neben neun Anderen einfach zufällig ausgewählt worden und er verlor sein Leben für die Sache, hinter der er mit ganzem Herzen stand. Das Blut auf meinem Kleid war noch nicht getrocknet und ich saß schon seit Stunden auf der schmutzigen Erde vor den Toren Schorndorfs und streichelte sein Haar, als ich verhaftet und in einen der Stadttürme gesperrt wurde. Ursula, die mir die Schuld am Tod von Matthias gab, hatte mich der Hexerei bezichtigt. Diese Beschuldigung kam Herzog Ullrich gerade Recht, denn ich war die einzige Frau unter den engsten Anhängern des Gaispeters, der zum Glück rechtzeitig fliehen konnte. Es widerstand dem feinen Herzog, eine Frau zu köpfen. Ich hatte keine Chance auf eine gerechte Verhandlung und meine Verurteilung stand schon von Anfang an fest.

Noch immer lacht Ursula ihr höhnisches Lachen. Als sie sich ein wenig beruhigt zu haben scheint, schreit sie plötzlich mit sich überschlagender Stimme: >Auf den Scheiterhaufen mit ihr! Sie trägt die Brut des Teufels in sich!< Mittlerweile knie ich zwischen meinen abgeschnittenen Locken auf dem Boden und fahre sanft über meinen gewölbten Bauch. Meinem ungeborenen Kind flüstere ich zu: >Du bist nicht die Brut des Teufels. Dein Vater Matthias war ein ehrenwerter Mann und er war ein Held.< Dann werde ich an beiden Armen hochgezogen und zum Scheiterhaufen geschleppt, der schon am Vortag auf dem Marktplatz aufgeschichtet worden war. Ich singe leise das Kinderlied, das mir mein Vater beigebracht hatte und lasse mich ohne Gegenwehr an den Holzpfahl auf dem höchsten Punkt des Reisighaufens festbinden. Ursula steht direkt unterhalb in der ersten Reihe neben ihrem Vater.
Jetzt ist ihr Blick ausdruckslos. Irgendwie wirkt sie gelangweilt. Ich denke schon, sie wird sich gleich umdrehen und nach Hause gehen, aber Ursula bleibt. Die ersten Flammen züngeln im Reisig und ich sehe den Widerschein des Feuers in Ursulas smaragdgrünen Augen schimmern. Mir wird warm. Endlich, nach 168 Tagen eisiger Kälte wird mir zum ersten Mal warm. Als der Umhang, den man mir nach der Rasur und der Untersuchung übergeworfen hatte, Feuer fängt, beginne ich zu beten. Ein gleißendes Licht umfängt mich und ich falle. Tief und immer tiefer.

Wieder spüre ich eisige Kälte. Langsam öffne ich die Augen und schaue in das besorgte Gesicht von Ursulas Vater. >Alles in Ordnung mit dir Liebes?<, fragt er. Den nebenstehenden Leuten, die von oben auf mich herunterstarren, befielt er: > Bringt sie nach Hause. Die Hinrichtung war wohl doch zuviel für sie.< Ich spüre noch, wie man mich hochhebt, dann wache ich erst wieder auf, als viele Hände mich in ein weiches Bett legen. Ich gebe vor zu schlafen. Als ich endlich in der Kammer alleine bin, stehe ich auf, gehe zur Kommode über der die  Wangen.
Was genau an diesem 15. Februar 2015 passiert ist, kann ich bis heute nicht erklären, aber seit diesem Tag vor über 500 Jahren reise ich durch die Welt und erzähle Menschen wie euch meine Geschichte.

Halloween 2014

Ein stetiges, leises Plopp, Plopp, Plopp drang tief in ihre Gedanken. Der eiskalte Luftzug, der über ihre
Wangen strich ließ sie erschauern. Wo zum Teufel war sie? Lena öffnete die Augen und sah nur
tiefschwarze Nacht. Ihre Hände tasteten langsam über den feuchten, kalten Boden. Plopp, Plopp. Sie
setzte sich auf, blinzelte, um ihre Augen an die Dunkelheit zu gewöhnen und versuchte irgendetwas
zu erkennen. Da! Ein Stück oberhalb sah sie einen Lichtstreifen. Dort musste eine Tür sein. Vorsichtig
stand sie auf und ging auf den schwachen Lichtschimmer zu. Plopp, Plopp. Mit den Fuss‐Spitzen
ertastete sie die unterste Treppenstufe und blieb stehen. Wie war sie hierhergekommen? Krampfhaft
versuchte sie sich zu erinnern. Natürlich, Sie war mit ihrer Freundin bei einer Führung durch alte
Kellergewölbe. Das hier war bestimmt einer davon. Aber wo waren die Anderen. Und wieso war sie
alleine? Plopp, Plopp! Außer diesem stetigen Plopp hörte Lena nichts. Keine anderen Geräusche.
Keine Stimmen. Sie wollte gerade ihren Fuß auf die erste Stufe stellen, als es über ihr leise knarrte.
Lena sah hoch und der schmale Streifen Licht wurde langsam grösser. Gott sei Dank. Sie hatten Sie
gefunden. Die Tür öffnete sich langsam und das leise Knarren wurde von einem unangenehmen
Quietschen begleitet. Sie rief „ich bin …“ Dann erstarrte Sie, das „hier unten“ blieb ihr im Hals
stecken. Im Türrahmen nahm Sie eine Gestalt wahr. Diese Frau gehörte bestimmt nicht zu ihrer
Gruppe. Sie trug ein weißes, wallendes Gewand, das bis zum Boden reichte. Das aschfahle Gesicht
bildete einen ungewöhnlichen Kontrast zu den tiefschwarzen Haaren, die es umrahmten. Plopp,
Plopp. Ihre Brust schnürte sich zusammen, also die Frau langsam die Treppen nach unten kam. Die
Füsse schienen den Boden nicht zu berühren. Lena wich zurück, strauchelte und erstarrte, als sie die
Stimme der Frau hörte. „Hab keine Angst!“ Plopp, Plopp. „Ich möchte Dir etwas zeigen.“ Jetzt stand
die Frau direkt vor ihr und Lena spürte ihren eiskalten Atem, als sie weitersprach. „Komm mit mir.“
Wie in Trance folgte Sie ihr. Nur ein paar Schritte, die Lena vorkamen, als wäre sie kilometerweit
gelaufen, dann blieb die weiße Frau stehen. „Ich möchte Dir Deine Zukunft zeigen,“ hörte Lena sie
sagen. Die unheimliche Frau griff in die Falten ihres Gewands und holte eine kleine goldene Tasche
hervor, die sie öffnete und den Inhalt in die Luft warf. Nur einen Augenblick später erstrahlte der
dunkle Keller in einem gleißenden Licht. Lena sah sich um. Überall schwebte Goldstaub, der langsam
glitzernd zu Boden fiel. Plopp, Plopp. Sie entdeckte ein Rohr an der Decke aus dem es unaufhörlich
tropfte. Plopp, Plopp. „Schau!“ Die Stimme der weißen Frau ließ sie wieder zusammenzucken. Lens’s
Blick folgte dem ausgestreckten Arm. Auf den rauen Steinen der Kellerwand war ein Bild erschienen.
Es war ihr Spiegelbild. Im Hintergrund sah sie die gegenüberliegende Kellerwand, die vom Licht der
Projektion angestrahlt wurde. Es wurde kurz dunkel. Ihr Bild war von der Wand verschwunden. Ein
kleiner Kinosaal mit nur einem Zuschauer nahm nun die ganze Breite der Wand ein. „Oh Gott!“ Lena
wurde übel. Der Mann, der in dem bequemen Kinosaal saß war tot. Die starren Augen starrten Sie
direkt an. Sie begann zu taumeln. Lena kannte den Mann nicht. Was hatte er mit ihrer Zukunft zu
tun? Das Bild wechselte. Plopp, Plopp. Ein weiße Truhe … Der Deckel öffnete sich langsam, sehr
langsam. Lena’s Herz begann zu rasen und einen Augenblick später begann sie zu würgen, als sie
erkennen konnte, was in dieser Truhe lag. Der Kadaver eines Schweins. Über und über mit weißen
Maden bedeckt. Der Geruch von verwesendem Fleisch stieg ihr in die Nase und sie begann wieder zu
würgen. Sie versuchte die Augen zu schließen. Sie versuchte zur Seite zu sehen. Es funktionierte
nicht. Ihr Blick war wie gebannt auf die Wand vor ihr gerichtet. Wieder wechselte das Bild. Lena
spürte trotz der eisigen Kälte, die sie umfing Schweiß, der sich auf ihrer Stirn bildete. Plopp, Plopp.
Ein menschlicher Torso. Die Bauchdecke bewegte sich leicht bei jedem Atemzug jenes Menschen,
dessen Gesicht sie nicht sehen konnte. Ihre Zukunft. Konnte es sein, dass dieser Körper der ihre war?
Sie versuchte Merkmale zu erkennen, aber im Gegensatz zu den anderen, die sie bereits gesehen
hatte, war dieses Bild unscharf und verschwommen. Am Bildrand nahm sie ein Blitzen wahr. Die
funkelnde Spitze eines Messers. Langsam, sehr langsam kam dieses Messer dem Körper immer
näher. Lena hielt die Luft an und nahm das wilde Pochen ihres Herzens wahr. Das Messer ritzte die
seitliche Bauchdecke leicht und Blut drang aus der kleinen Wunde. Plopp, Plopp. Im nächsten
Moment drang das Messer tief in das Fleisch ein und wurde mit einem schnellen Schnitt zur Seite
gezogen. Lena wich zurück. Sie konnte nicht mehr atmen. Etwas hatte sich wie ein Schraubstock um
ihre Brust gelegt. Ihr wurde schwindelig. Der Nebel in ihrem Kopf war angenehm. Noch immer sah sie
gebannt auf die Wand, aber die Bilder waren jetzt weit weg und irreal. Zwei Hände entnahmen der
offenen Bauchhöhle Eingeweide und ließen diese in einen bereit gestellten Blecheimer fallen. Der
Nebel in ihrem Kopf wurde dichter und die Bilder entfernten sich immer mehr. Dann fiel sie. Tiefer
und tiefer. Rabenschwarze Nacht.
„Lena! Lena! … Bist Du da unten? Lena!“ Mit einem Mal wurde es hell. Eine flackernde Neonleuchte
über ihr. „Lena?“ „Ich bin hier.“ Sie sah zur Treppe. Ihre Freundin kam, zwei Stufen auf einmal
nehmend zu ihr gelaufen. „Oh mein Gott! Du warst auf einmal verschwunden. Was ist passiert? Du
bist ja weiß wie die Wand?“ Lena griff nach der Hand, die ihre Freundin ihr reichte und stand auf. Sie
war benommen und taumelte ein wenig. „Ich weiß es nicht. Vielleicht bin ich die Treppe
runtergefallen.“ Ihre Freundin legte einem Arm um ihre Schultern. „Aber es geht Dir doch gut, oder?“
Lena antwortete: „Ich denke schon, aber ich hatte einen krassen Traum.“ Ihre Freundin führte sie die
Treppen nach oben und bei jedem Schritt den sie gingen fiel goldener Staub aus Lena’s Haaren auf
die steinernen Treppenstufen.